Montag, 2. August 2010

kiffende fischer, wilde speedboote und party all the time

In latakia schmeißen wir uns, nachdem wir ein viel zu teures aber sehr comfortables chalet angemietet haben, in die fluten. Es ist herrlich warmes wasser. Der strand ist gerammelt voll. Ölsardinen haben dagegen vermutlich viel platz. Überall badende, planschende kinder, marodierende jugendbanden, frauen im kompletten kostüm incl. kopftuch in den fluten. speedboote fahren den badenden über die köpfe und in all dem chaos gondeln schiffe mit lauter musik durch die badenden mengen und fahren diejenigen um, die die speedboote bisher überlebt hatten. Am abend gehen wir essen und dann treffen wir die freunde alis am strand (einem anderen stadtstrand, den ich noch nicht kannte und der mir angenehmer scheint). Dort sitzt man in fischerhütten und kifft. Die fischerhütten sind keine deko – die freunde alis arbeiten wirklich als fischer, wohl eine der wenigen branchen, in denen man arbeit findet – ja, fischer werden ja immer gebraucht! Danach noch zu uns ins chalet auf ein bier und dann ab ins bett. Dabei ist an schlaf nicht zu denken. Obschon die uhr weit fortgeschritten ist (es ist inzwischen 5 uhr früh) herrscht ein lärm, wie auf ballermann. Party 24 stunden am tag! es scheint niemand schlafen zu wollen. Auch wir kriegen kein auge zu. Die mücken haben wir zwar inzwischen durch heftigsten gifteinsatz zum verstummen, bzw. zum verscheiden gebracht. Aber die nachbarn kriegen wir mit dem giftspray nicht tot!

Total übermüdet werfen wir uns am nächsten morgen nochmals in die fluten. Das wetter ist klasse, der wind angenehm, das wasser schön frisch. Dann, nach einem weiteren kurzen kaffee mit einem freund alis, zurück zu den eltern. Dort bin ich so müde, dass ich mich (ein guter gast zu sein ist so schwer!) erstmal zwei stunden ins bett, bzw. auf die strohmatte lege. Danach kriegen wir noch etwas zu essen, einen tee und ab die post zurück nach damaskus. Eine romantische, fast nächtliche rückfahrt mit vollmond! Froh, wieder im eigenen (europäischen) bett in damaskus schlafen zu können und vor allem leise nachbarn zu haben! Auch, wenn es nur noch wenige nächte hier sind, bevor ich wieder gen „heimat“ (was ist das eigentlich inzwischen für mich?), bzw. nach deutschland muss.

Meine küche wurde unterdessen von einer ameisenkolonie okkupiert und besiedelt, die vermutlich darüber informiert ist, dass ich in bälde abreise und sich hoffnungen auf die nachmieterschaft macht. Im prinzip habe ich ja nichts gegen diese niedlichen und nützlichen tierchen. Aber wenn sie durch mein frühstücksmüsli krabbeln und alles in sekunden in beschlag nehmen ist schluss! Daher habe ich heute versucht (nachdem ich mehrere gescheiterte versuche unternommen hatte, mit dem kakerlaken-bekämpfungsmittel der ameisen herr zu werden), mit forciertem gifteinsatz wieder den alten ameisenfreien zustand herzustellen. Ich weiß, dass mir das sicher nicht den ersten preis im „save our world“-umwelt-award einbringen wird, mag aber beim essen auch nicht immer daran denken, ob das, was ich da gerade zerkaue nun wirklich ein leinsam-korn oder nicht doch eine ameise ist.

Ich lese mal wieder die syria today: der pina-bausch-film wurde verboten. Der grund: zuviel nacktheit! Dann macht die syria today noch eine kleine straßenumfrage: „wird es diesen sommer krieg zwischen syrien und israel geben?“ die überwiegende mehrheit der befragten geht nicht davon aus, da sie meinen, israel habe angst, dass ein weiterer krieg ausgehe, wie der libanon-krieg 2006 oder der gaza-krieg, da der „arabische widerstand“ sich inzwischen nicht nur auf die nationalen armeen (die ja zumindest hier in damaskus mit konzentriertem eckenstehen befasst sind), sondern vor allem auf „die straße“ stütze. Dennoch würde ein krieg „zur befreiung unserer okkupierten gebiete“ teil befürwortet da israel nur die sprache der gewalt verstehe. Vielleicht eine gute idee für die boulevardpresse: „wird es diesen sommer krieg gegen frankreich geben?“ im anzeigenteil werben fluggesellschaften mit: drei flüge von damaskus – die woche! Ein weiterer artikel äußert verständnis für die verlängerung der us-saktionen. Es sei nicht so gemeint, aber die usa habe keine andere wahl und auch kleine schritte seien ja schon zu verzeichnen. Soweit meine lektüre. Mein freund michel berichtet, dass es kaum noch funktionstüchtige syrische flugzeuge gebe, da eben wegen der us-sanktionen keine ersatzteile mehr ins land kommen und es keine anderen fluggeräte-hersteller als europäische oder amerikanische gebe.

Nun, mir wird es wohl dennoch gelingen, außer landes zu kommen, ich reise nicht mit syran-air. Aber ich reise. Und damit ist der aufenthalt hier vorbei und die damaszener scharaden an ihrem (vorläufigen) ende angelangt.

fahrten mit körperkontakt und das scheitern des pünktlichkeitsprogramms

Neulich am abend fahren wir nach qabun einen freund besuchen. Im micro hat man hier ja immer viel körperkontakt. So eng, wie man hier sitzt, da müssten auf jeder bank in u- oder s-bahn in deutschland mindestens drei oder vier leute platz finden. Die leute hier sind das ja aber gewohnt und ich glaube auch, dass der häufigere körperkontakt eben auch beruhigend wirken kann. Indem man sich berührt, kommuniziert man ja irgendwie auch miteinander. Und schließlich sieht man hier ja auch ständig menschen hand in hand oder umarmt miteinander sitzen. Allerdings eben nur gleichgeschlechtlich. Für die zwischengeschlechtlichen berührungen scheint das private haus der geeignete ort zu sein, nicht die öffentlichkeit.

Busfahrten nach qabun sind immer eine große freude. Alle busse sind mit „qabun-schara’-a-thawra“ ausgeschildert, fahren aber mitnichten die selbe route und nichtmal alle nach qabun oder zur schara’-a-thawra, der straße der revolution im zentrum der stadt. Einige machen auf halber strecke kehrt, man muss das dann merken und schnell rausspringen. Andere fahren direkt und schnell über die beliebte autostraat. Wieder andere juckeln durch alle gassen und stehen stundenlang im stau. Ich dachte ja, dass es nur mir noch relativ ortsunkundigem so geht, aber auch rafik weiß nie, in welchem bus man wohin kommt und wie das alles nun funktioniert. Habe es aber dennoch geschafft heute das ziel der reise zu erreichen, zwar mit mehreren bussen und umsteigen, aber immerhin. Dabei war ich richtig stolz, dass ich jetzt schon im vorbeifahren die schilder der busse lesen kann, die ja auf unterschiedlichste weisen geschrieben sind und auch in einem mir bisher unbekannten teil dieser stadt schon weiß, wohin in etwa die busse fahren müssten und dass das dann die richtige richtung sein dürfte. Hat sich das viele geld für meine ausbildung doch gelohnt...

Vom deutschen pünktlichkeitsprogramm keine spur erfolg! Angekündigt war ali für den frühen morgen (neun uhr) unseres abfahrttages zum besuch seiner familie. Als ich ihn um halb elf anrufe, wecke ich ihn. Also ich meine, dass es kein wunder ist, wenn es mit der syrischen wirtschaft nicht bergauf geht. In etwa einer stunde (also in zwei stunden) ist er dann auch schon zum frühstück bei mir. So kommen wir „früh am morgen“, noch vor der Mittagshitze gegen halb zwei los. Die fahrt gestaltet sich – abgesehen von den 45 grad temperatur – angenehm. Ich muss nicht ans lenkrad und ali fährt inzwischen auch sicherer, so dass ich keinen verkrampften rechten bremsfuß habe, den ich ja sonst als beifahrender manchmal habe. Nach einer pause und mehreren stunden fahrt erreichen wir das elterliche haus. Wie gehabt nette familie, die schwester ist da, der esel und die eltern. Da wir auf dem weg noch drei hühner erstanden haben, denen vor unseren augen der garaus gemacht wurde (was mir nicht sonderlich behagte, aber sicher ehrlicher ist als das fleisch aus der tiefkühltruhe), wird gegrillt. Eine lange prozedur, bei der vom entschluss zur umsetzung nochmals soviel zeit vergeht, wie während der zubereitung der kohle (aus holz) und den beilagen (aus dem garten – es muss eben erst noch kurz geerntet werden). Nach dem essen trinken alle noch mate, ein gesöff aus kraut und viel zucker, das durch einen strohhalm gezogen wird, an dem unten ein sieb hängt, das eigentlich dazu dient, das kraut aus dem munde fernzuhalten, was aber immer nur mäßig gelingt. Ein zweifelhafter genuss. Die nacht dann auf matten gebettet friedlich schlummernd zugebracht.

Nach frühstück und vielen abgeschlagenen und auf spätere zeit vertrösteten teetrinkeinladungen bei verwandten (so ist das bei 12 kindern und deren kindeskindern eben) schaffen wir es auch am Nachmittag nach latakia zu kommen. Wenn hier jemand sagt: „wollen wir jetzt los?“, heißt das „jetzt“ mitnichten jetzt. Von jetzt, bis zum avancierten zeitpunkt und von dort bis zur tatsächlichen abfahrt vergehen gut und gerne nochmals jeweils zwei stunden. In dieser zeit müssen unvorhergesehene besorgungen gemacht werden oder komplizierte transporte mit dem angemieteten wagen durchgeführt werden. Immerhin haben wir es noch bis latakia geschafft. Allerdings erst kurz vor sonnenuntergang. Das ist für „nach dem frühstück“ dann auch wieder nicht so zeitig...

Sonntag, 18. Juli 2010

deutsche bürokratie, syrische absurdität und neo-osmanismus

Nach dem aufstehen treffe ich endlich mal wieder meinen tandempartner. Er hat ein erstaunliches problem mit der deutschen bürokratie. Für sein studium in köln benötigt er ein sogenanntes sperrkonto bei einer deutschen bank. Da viele banken mit syrien (und damit auch mit syrern) keine geschäfte machen blieb nach langer suche nur die commerzbank. Dort hat er nun ein sperrkonto und eine dementsprechende bescheinigung. Bei der deutschen botschaft in damaskus aber hat man ihm das visum verweigert, da aus der bescheinigung der bank hervorgehen muss, dass er monatlich 624 euro (genau 642!) abheben kann. Eine solche bescheinigung wird (wie ihm auf antrag bestätigt wurde) von der commerzbank in köln nicht ausgestellt. Die commerzbank in dresden zum beispiel stellt eine solche bescheinigung problemlos aus, weigert sich jedoch, das sperrkonto von ihm zu führen, da dieser in köln studiert und nicht in dresden. Ein unlösbares problem, bei dem noch dazu die zeit drängt, denn in vierzehn tagen gehen die vorbereitungskurse zum studium in köln los und er muss ja nicht nur noch das flugticket kaufen, sondern sich dort auch noch eine bleibe suchen und seine alte wohnung in damaskus auflösen. Man fragt sich manchmal, wer sich dieses deutsche einwanderungsreglement ausgedacht hat. Wohl bemerkt: mein tandempartner ist einer von denen, die in deutschland angeblich willkommen sein sollten (er ist arzt, kann sehr gut deutsch und es geht um ein spezial-aufbaustudium). Wie muss es den anderen ergehen?

Seit zwei tagen erreiche ich ali nicht, was ungewöhnlich ist. dann meldet er sich endlich. Er sei im krankenhausgefängnis gewesen (ich erinnere mich an die gleichartige geschichte, die rafik mir mal berichtete, auch der hatte ja schon mal zwei tage im krankenhausgefängnis zugebracht). Und das kam so: er war des abends mit einem freund unterwegs und hat einen motoradunfall gesehen, ist dem schwer verletzten fahrer (helme sind ja unbekannt, geschwindigkeitsbegrenzungen und reglementierungen des motorrad-verkehrs auch) zur hilfe geeilt und hat ihn mit ins krankenhaus gebracht. Und nun ist das in syrien so: wenn ich jemandem zur hilfe komme, bin ich verantwortlich. Und da der mann im koma lag, konnte er nicht bestätigen, dass ali vollkommen unschuldig war und ihm eben nur geholfen hatte. So wurde er solange festgehalten, bis der verletzte bestätigte, dass ali unschuldig ist. eine unglaubliche regelung! Unter den bedingungen würde in deutschland (und ian stimmt mir zu, wohl in ganz europa) niemand mehr helfen. Auch ali war angepisst und meinte, er gehe das nächste mal lieber schnell weiter, wenn jemand dort verletzt liege. Aber hier setzt man offenbar auf die soziale verantwortung und das scheint ja tatsächlich aufzugehen. Dass man einem anderen zur hilfe eilen muss scheint gesetzt, denn die menschen machen es ja ganz offenbar trotz dieser absurden gesetzlichen regelungen. rafik verteidigte die noch und meinte, dass es, da es ja keinen rettungsdienst gebe, den man einfach anrufen könne und der sich dann um die verletzten kümmere, eben notwendig sei, die am unfall und an der rettung der unfallopfer beteiligten solange festzuhalten, bis die umstände des unfalles geklärt seien.

Im pages nerven heute englischsprechende syrische oberschichtangehörige („ah, mykonos is sooo cheap now!“), die offenbar das ererbte geld ihrer familien durchbringen müssen. Dann schocken die autovermietungen, mit denen ich mich am abend noch beschäftigen muss (wir wollen noch einen meinen aufenthalt hier beschließenden abschluss-ausflug zu alis familie machen), denn sie sind nun alles andere als sooo cheap now geworden! Haben wir im oktober noch einen wagen für 1400 pfund gemietet, kostet er nun 3800! Es sei (neben der gewöhnlichen ca. 150%-igen preissteigerung) eben auch der sommer und die hohe nachfrage an wagen wird mir erklärt. Budged, sixt (oder wie ali sagt: sikist) und europcar – alle zu teuer. Wir nehmen nun doch die autovermietung in mezze, die 2800 am tag (aber incl. zwei fahrern, versicherung und kilometern unlimmited) kostet und um die sich ali – inscha’allah – morgen kümmern wird.

Nach über zwei wochen schaffe ich es wieder, zum sport zu gehen. Es ist alles beim alten, außer dass die preis wohl erhöht wurden, was mir aber entgeht da ich erst nach langem und intensivem studium den zettel an der wand entziffere und mühe zahlen darauf entdecke, die eine preissteigerung bedeuten könnten. Da man es vermutlich als hoffnungslosen fall eingeschätzt hat, hat man mich beim bezahlen nichtmal drauf angesprochen. Oder ich habe als altmitglied schon bestandsschutz – wer weiß? Da es inzwischen so heiß geworden ist, zerfließe ich! Als ob man einen 15-liter eimer wasser über mich geschüttet hätte – so nass verlasse ich das studio und schleppe mich gen heimat. Am Nachmittag treffe ich rafik. Wir trinken saft und essen türkische kuchen, die hier nun überall zu haben sind. Überhaupt wird das land mit türkischen produkten überschwemmt. Ich habe neulich schon kritische anmerkungen gehört, dass sich leute beschwerten, dass es ja nicht so sei, dass man hier in syrien keine kuchen habe, wieso man denn diese aus der türkei importieren müsse. Auch andere dinge (insbesondere kleidung) werden schon lange importiert. Die neue türkische außenpolitik: wirtschaftsimperialismus oder neo-osmanismus?

raketenartige fahrzeuge und sich auf motorhauben räkelnde frauen

Gehe mit michel auf die „drinking, dining and dancing“-Party zur vorstellung neuer coupee-modelle und anderer unnützer und zu großer wagen bei mercedes benz(!). eine kleine spontaneinladung, die ich schon aus neugierde nicht abschlagen kann. Schlimmstes volk! Das reichste und verkommenste, was damaskus zu bieten hat. Als wir (zu spät) kommen, fährt gerade ein wie eine missglückte rakete aussehendes gefährt zu pathetischer musik über einen roten teppich. Dann ein feuerwerk! Die türen öffnen (unpraktischer weise) nach oben. So ist ein dezentes und wenig aufsehen erregendes aussteigen aus diesem wagen gar nicht möglich. Aber vermutlch auch nicht vorgesehen, denn wenn man so viel geld für ein so hässliches auto ausgibt, muss man schon eine vollschacke haben und braucht den großen auftritt vermutlich um seine psychischen defizite zu kompensieren. Nicht ein normaler mensch! Der manager der syrischen mercedes-zweigstelle hält eine rede in bestem westerwelle-englisch. Offenbar sind selbst basale fremdsprachenkenntnisse keine voraussetzung, um bei mercedes manager einer internationalen zweigstelle zu werden.

In der halle, in der es die drinks gibt, räkeln sich drei (wie dolly buster aussehende) damen auf der motorhaube eines anderen weißen und viel zu groß geratenen wagens. Viele „gemachte“ gesichter bei den frauen und die „fratze des verzichts“ bei den herren. Nach der erbärmlichen rede geht es zum diner. Sehr lecker! Groß aufgetischt! Von allem nur das beste. Aber ich vermute, dass mercedes das bei den preisen für die wagen bereits miteinkalkuliert hat. Wir essen, da es so lecker ist, leider zu viel. Viel zu viel. Erstunlich die musik zum essen: härteste techno-klänge! Sehr laut, so dass man sich nur mit großer mühe unterhalten kann. Ich vermute, das bei der musikauswahl der gedanke „wir wollen nun aber mal gaaaanz modern sein“ im vordergrund gestanden hat. Ja aber beim essen soll man ja auch nicht so viel reden und mit vollem mund spricht man eh nicht! Während des gesamten procederes hühnern heerschaaren von fotografen und kameraleuten überall herum und filmen und fotografieren, was das zeig hält. Wenn auch nur ein bruchteil der gemachten aufnahmen veröffentlicht wird, muss in den nächsten tagen die gesamte medienöffentlichkeit des landes pausenlos über dieses event berichten.

Danach wird mit einer sängerin und einer kleinen band, die aufgepoppte remixe arabischer klassiker zum besten gibt, versucht, das publikum zum tanz (der teil „dancing“ aus „drinking, dining and dancing“) zu animieren. Immerhin erbarmen sich wenige paare und einige frauen etwa fünf minuten lang die hüften zu schwingen. Dann bläßt man zum großen aufbruch, denn das geld für die neuen modelle will ja auch verdient werden und vermutlich müssen fast alle morgen früh raus. Eine andere welt! Deutlicher noch als in deutschland treten hier die widersprüche hervor. Der reichtum zeigt, wo er nicht von einem sozialstaat in seine grenzen gewiesen wird, seine hässliche fratze.

Dazu hatte ich mal irgendwo etwas passendes gelesen, das ich jetzt hier nicht wiederfinde. Es ging in etwa so: der eine wird als kind von bettlern, der andere auf rosen gebettet geboren. Dass beide sich auf augenhöhe begegnen können, dafür muss der sozialstaat sorgen. Ich glaube vielleicht es war von heribert prantl, denn von dem finde ich folgendes: „Ein Sozialstaat ist ein Staat, der gesellschaftlichen Risiken, für die der einzelne nicht verantwortlich ist, nicht bei diesem ablädt. Er verteilt, weil es nicht immer Manna regnet, auch Belastungen. Aber dabei gilt, dass der, der schon belastet ist, nicht auch noch das Gros der Belastungen tragen kann. Ein Sozialstaat gibt nicht dem, der schon hat; er nimmt nicht dem, der ohnehin wenig hat. Er schafft es, dass die Menschen trotz Unterschieden in Rang, Talenten und Geldbeutel sich auf gleicher Augenhöhe begegnen können. Der Sozialstaat ist der große Ermöglicher. Er ist mehr als ein liberaler Rechtsstaat, er ist der Handausstrecker für die, die eine helfende Hand brauchen.“ (aus einem vortrag zur ökonomisierung der lebenswelt). Im prinzip ist er das ja auch in deutschland schon lange nicht mehr, aber hier fällt mir diese idee der gleichen augenhöhe immer ein, wenn ich bettler an den geschlossenen fenstern der luxuslimousinen stehen sehe. Das ist nun bei weitem nicht mehr augenhöhe...

reisen auf dem motorblock, heiße creme-caramel und fettfreie pommes

Wieder zurück! Die hinfahrt nach tadmur war ok. Zwar kein so aufwändiger service, wie bei haval nach el-hasakeh, aber immerhin wasser, ein schlimmer film und kein unfall. Am Nachmittag angekommen schlagen wir uns gleich in die ruinen. Es ist auch jetzt noch sehr heiß und ziemlich sandig. Am abend im restaurant bestelle ich zum spaß zum nachtisch eine creme caramel (es gibt keine karte und ich versuche es einfach mal). Die mitarbeiter versammeln sich unschlüssig um unseren tisch. Rafik erklärt, dass es sich um eine art kischkeh, wie es in damaskus gegessen wird handele, nur mit caramelgeschmack. Ja, das habe man. Ich wundere mich erst, dass man es gar nicht kennt, es dann aber angeblich habe und bin gespannt. Tatsächlich bekomme ich nach 20 minuten eine frisch gemachte und noch warme creme caramel, die sehr köstlich schmeckt. Ein französischer koch würde sich vermutlich vor ekel übergeben, da sie noch warm war, aber mir mundete sie ausgezeichnet. Danach im laden um die ecke ein kleiner junge, der fan von werder bremen ist. endlich mal nicht nur bayernmünchen! Ansonsten schlimmes wetter. Sandsturm und etwas regen. Wolken und nachts nicht wirklich eine abkühlung. Weiterhin über 30 grad.

Nach frühstück und baal-tempel (wieder gruppen lauter italienischer touristen), fahren wir nach damaskus zurück. Am busbahnhof scheint es erst so, als ob für uns keine plätze mehr frei sind, obschon wir tickets haben (ja, man wundert sich). Dann aber sind noch drei plätze auf der letzten bank frei, was mir erst wie ein segen vorkommt, sich aber schnell als hölle entpuppt. Der heiße motorblock dieses schrottreifen gefährts ist direkt unter unserem arsch. Die sitze sind kaputt und rutschen immer nach vorne, die fensterscheinbe, auf die die sonne erbarmungslos scheint, hat sicher 60 grad. Obschon meinen berechnungen zufolge (wir fahren am frühen Nachmittag gen westen) die sonne im süden, also links sein müsste, ist sie die ganze zeit rechts, also auf uns gerichtet. Auch auf solcherlei berechnungen scheint kein verlass mehr zu sein. Zudem rieselt beständig feiner sand und staub auf uns herab, der sich offenbar den weg durch die lüftung bahnt, durch die aber eben leider keinerlei luft kommt und wir werden heftigst durchgeschüttelt, da auch stoßdämpfer nach dreißig jahren wohl mal ausgetauscht werden müssten. Unnötig zu erwähnen, dass die klimaanlage – so es je eine gegeben haben sollte – nicht funktionierte. Bei schätzungsweise 50 grad im bus kommen wir nach drei stunden fahrt vollkommen tot in damaskus an. Ich brauche zwei tage, um mich von diesen drei stunden zu erholen. Wir gehen nur noch einen sandwitch im pages essen und treffen am abend eimad, einen alten bekannten im hijaz-cafe.

Gestern Mittag dann war ich mit Ian im schwimmbad in rabwe, wo es zwar voller als letzten sonnabend ist, aber immer noch sehr angenehm. Ich springe das erste mal ins wasser, was ich ja sonst nie tue, denn ich möchte das irgendwie lernen. Kann das ja nicht bisher. Zumindest kann ich schwimmen. Denn kurz darauf springt ein profilierungssüchtiger mittzwanziger in den 3,50 meter tiefen bereich, der eben leider nicht schwimmen kann. Wie dumm muss man sein! Er muss vorm ertrinken gerettet werden. Zum glück findet sich gleich jemand, der das retten beherrscht, denn der dafür sonst zuständige live-guard ist gerade verhindert. Er muss freunde begrüßen und ihnen zahlreiche küsschen auf alle körperteile drücken und kriegst so gar nicht mit, dass da gerade jemand ertrinkt. Nun, es ist ja noch mal gutgegangen.

Rafik ist ein wunderbarer koch. Vermutlich der beste, den es hier in diesen breiten gibt. Ali behauptet, er koche besser als seine mutter und wenn ein arabischer junge das sagt muss das schon was heißen. Aber ähnlich wie jean-claude kann er einfach nicht fettfrei kochen. Jean-claude ist der ehemalige koch des weißen hauses. Als die clintons damals die macht übernahmen und hillary das weiße haus unter ihre fuchtel nahm, gab es in einer deutschen zeitung einen artikel: hillary nimmt den koch vom herd. Die neue fettfreie küche, die fortan im weißen haus vorherrschen sollte, hatte den alten französischen koch angeblich überfordert: jean-claude kann nicht fettfrei kochen! Ähnlich geht es rafik. Allerdings ist auch seine einschätzung, was fett sei eine andere, als meine. Öl zählt er nicht zu den fetten und so geht er großzügig damit um. In pflanzenöl frittiertes ist also noch fettfrei. Erst danach beginnt fett. rafik scheint da nicht allein zu sein. Bestellt man in einem restaurant kartoffeln, bekommt man pommes frittes – geichsam die natürliche darreichungsform der kartoffel.

allevitische busse, frisches pizzabrot und blondiertes körperhaar

Das Nationalmuseum von damaskus ist ja immer einen besuch wert. Im foyer sind größere umbaumaßnahmen bereits angekündigt und da diese mit italienischer hilfe wohl schon begonnen haben, sind teile des museums leider gesperrt. Die besichtigung der herumstehenden und schlecht ausgeschilderten exponate dauert dennoch lange, da ja wirklich viel ausgestellt ist. aber wenn man nicht selbst zum beispiel als archologe weiß, um was für ein exponat es sich gerade handelt, bekommt man auch keinerlei hinweis, denn eine beschriftung oder weiterführende hinweise sind nur sehr sporadisch angebracht. Zum glück aber begegnet man nur wenigen menschen und so hat man zeit, die dinge auf sich wirken zu lassen. Danach haben wir im bocelli einen kaffee getrunken. Die haben jetzt einen windschutz (glasplatten am terrassengitter) und einen sonnenschutz (eine schlichte markise) angebracht und tolle ventilatoren aufgestellt, die kühlenden wasserdampf versprühen. Wahnsinn!

Ian und ich versuchen das schwimmbad der jugend nun mal am Nachmittag. Da alle bäder hier um vier nachmittags schon schließen, müssen wir den Nachmittag um zwei beginnen lassen. Und tatsächlich: weniger kinder. Dafür bodybuilder, die sich ihre hormongeschwängerten körper mit einer schäumenden lotion aus amoniak und sonstigen ungesunden inhaltsstoffen einschmieren, die sie „oxygene“ nennen. Ziel dieser prozedur ist es, blondiertes körperhaar zu bekommen. Unappetitlich und ungesund und im ergebnis nichtmal schön. Wie albern: schwarzes haupthaar zu blondiertem körperhaar! Das also war das geheimnis des blondierten brusthaares, welches mir schon vor wochen im sportstudio begegnet ist – ich hatte nicht halluziniert!

Dann haben wir tickets gekauft. Für einen kurz-trip nach tadmur (palmyra) morgen. Bei haval meinte man erst, es gäbe keine busse nach tadmur, dann, der bus fahre um drei, dann er fahre schon um halb zwölf und letzlich, es gebe keine freien plätze mehr. Das erste war nachweislich eine lüge. Wenn aber das letzte stimmt, ist der wahrheitsgehalt der anderen beiden informationen egal. Zwischen diesen infos lagen einige telefonate und viele scherzereien mit den angestellten. Auch bei civan war nix zu holen. So mussten wir wohl oder übel zu kadmus gehen. Die hatten noch plätze. Aber die setzen auf diesen linien in den osten immer schrottbusse ein. Wenn man nach latakia oder woanders ans wasser fahren will, ist kadmus eine gute wahl. Dorthin fahren die luxeriösesten busse. Da es sich aber, wie mir mein arabischlehrer erklärte, um eine allevitische firma handele, setze sie in den osten und in die kurdengebiete eben schrottbusse ein. Dorthin müsse man mit den kurdischen firmen reisen. Aber die waren ja eben leider schon ausgebucht.

Am abend aber raffen wir uns auf und machen noch einen kleinen ausflug auf den berg, vielmehr dorthin, wo noch häuser den berg hochwuchern. Das war nicht so geplant, hat sich aber so ergeben, denn wir sind einem missverständnis aufgesessen. Die neuen kleinen und offenbar illegal betriebenen mini-mini-busse von afif nach oben fahren nicht zum berg qassiun, sondern nur in den letzten winkel der den berg hochwuchernden bebauung (nba’a oder so genannt). Auch nicht schlecht und eine wirkliche abenteuerfahrt durch steile, enge gassen in mir bisher unbekannte gegenden. Dort angekommen spazieren wir etwas umher, werden von allen menschen sehr nett gegrüßt und willkommen geheißen und einer bringt uns sogar (nachdem er uns durch sein fenster angesprochen hatte und uns schon gesagt hatte, dass wir schön seien – wie nett, wo hört man das in deutschland mal von fremden menschen?), noch selbstgebackenes pizzabrot auf die kaum touristen gab. Die rückfahrt war nicht weniger abenteuerlich und ich muss sagen, dass ich als fahrer manchmal wohl nicht weiter gewusst hätte, wenn sich am steilen abhang mehrere wagen so unglücklich ineinander geschoben hatten, dass es weder vor noch zurück ging, wäre ich sicher einfach weinend ausgestiegen. Aber irgendwie sind wir dann doch wieder heil in afif gelandet. Ein toller ausflug!

monobeblockte schland-fans, giftkanonen und der syrische schwimmstil

Gestern Nachmittag gehen wir zum fußball. Ich beim fußball – hätte ich mir auch nicht denken können, zu welchen verzweiflungstaten mich so ein auslandsaufenthalt noch bringen würde. Deutschland gegen argentinien. Es gibt strenge eingangskontrollen. Alle personen werden abgetastet und es sind reichlich ordnungshüter zugegen, um die hereindrängenden massen mit langen gerten im zaum zu halten. Wer sich ungebührlich benimmt wird durch gestrenge ordner gleich wieder nach draußen, also in den bereich außerhalb der absperrung verbracht. Drinnen ist alles mit plastikstühlen dekoriert, auf denen das publikum artig platz nimmt. Da nach spielbeginn eingangsschluss ist, der hang der syrer zur unpünktlichkeit sich aber offenbar auch bei fußballfans nicht abschwächt, haben die ordnungshüter mit ihren langen gerten viel zu tun. Dabei wäre drinnen noch platz, es ist keinesfalls überfüllt. Aber prinzip ist prinzip und ordnung muss sein. Vielleicht deutsches management? Die anwesenden (im vorderen bereich haben die stühle sogar armlehnen – die luxusvariante des monoblocks – hier sitzen mehr familien und auch frauen; im hinteren bereich auf den einfacheren stühlen drängen sich vor allem junge männer) sind zu 70 prozent für alemania und nur zu etwa zu 30 prozent für argentinien. Winkelemente sind überwiegend in den farben der deutschen nationalflagge vorhanden. Entsprechend groß ist die freue, als nach dem spiel die deutschen einen glorreichen sieg davontragen. Ein freudentaumel ergießt sich den weg entlang zum busbahnhof durch damaszener straßen. Überall wo man erfährt, dass ich aus deutschland sei, werde ich nun mit noch überschwänglicherer freude begrüßt. Fehlt nur noch, dass man mir die füße küssen will, das würde ja aber auch bei vorankommen ziemlich hinderlich sein.

Sie fährt wieder (oder noch)! Die giftkanone. Drei mal habe ich in den letzten drei tagen die volle ladung abbekommen. Einmal am merje, wo das einfache volk weiterhin unbekümmert durch die giftwolke flanierte und man sich im cafe seinen tee schmecken lies (ich bin schnell aufs klo geflücktet, wo ich wegen des stark amoniakalischen odeurs jedoch auch nur durch langes luftanhalten überlebte). Einmal im schicken scha’alan, wo der im cafe sitzenden mittelschicht die gesundheitsbedenklichkeit offenbar bewusst war und schnell die glasfront vorgefahren wurde (auch hier bin ich sicherheitshalber schnell in die hinteren räumlichkeiten geflüchtet). Leider führte die zu spät geschlossene glasfront aber dazu, dass sich das gift besonders lange im raum hielt. In meiner lunge hatte ich danach so ein pfefferminzig-frisches gefühl. Heute morgen nun, als ich zum sport gehe, wieder direkt in die fresse! Es reicht jetzt für die nächste zeit erstmal. Mücken oder andere insekten besiedeln mich jetzt bestimmt nicht merh. Dabei macht diese kanone so ein lautes und zischendes geräusch, ich sollte im prinzip kurz vorher gewarnt sein.

Seit einigen schwimmbad-besuchen fallen mir die erstaunlichen schwimmstile der syrer auf. Eigentlich ist das schwimmen, wie wir es kennen, mit einigermaßen koordinierten und zweckdienlichen bewegungen zum fortkommen im wasser fast gänzlich unbekannt. Der syrer strampelt, mit allen gliedmaßen und hält sich so über wasser, wirbelt aber auch eine menge davon auf. Beim heutigen schwimmbadbesuch nun bin ich dahintergekommen, wodurch dieser eigentümliche stil entsteht. Er scheint eine folge des schwimmen-lernens zu sein. Das funktioniert nämlich so: die lernenden werden (meist noch in voller montur, also mit hose, unterhemt und t-shirt) ins wasser geworfen und sollen versuchen sich irgendwie über eine ecke des schwimmbades zu retten. Die strecke wird langesam verlängert, der eigentümliche, der panik vor dem ertrinken geschuldete schwimmstil bleibt. Vermutlich würde man bei uns ja zuerst mal die kleidung ablegen, denn diese zieht einen bekanntlich – wenn sie voll wasser ist – hinab. Da bei dieser form des schwimmens immer eine menge wasser in bewegung gerät, kann man sich leicht vorstellen, dass in dem bassin ein buntes treiben und planschen herrscht.