Montag, 8. März 2010

wilde mullahs, undichte dächer und das geheimnis der verkehrslenkung

Man sieht gar nicht, wenn ein brief geöffnet wurde. Also ein brief, den mir ein freund aus rom mit einer dvd geschickt hat, ist angekommen und sieht (neben den üblichen zerknitterungen) unversehrt aus, dabei meinten alle, dass briefe mit cd oder dvd immer geöffnet werden. Nun denn, dann haben die geheimdienstbeamten eben mal etwas gute musik zu hören bekommen, allerdings teils mit expliziten texten wie es so schön heißt. Nun kann auch ich gleich mal wieder etwas musik hören, wobei mir ein problem gewahr wird:

Ich bin ja nicht wirklich untolerant in religiösen dingen, aber da man neben dem ruf zum gebet keine musik hören kann, es sei denn man stellt sie extrem laut (was sicher als gotteslästerung gilt) und es ja auch eine sitte ist, die musik auszustellen wenn der ruf des muhezzin ertönt, kann ich an bestimmten tagen und zu vielen zeiten keine musik mehr hören. am freitag (meinem sonntag) wo ich gerne lange frühstücke, beten sie von 11.45 uhr (wenn ich mich an den frühstückstisch setze) bis 14 uhr! (da ist auch mein frühstück vorbei). und nicht nur schöner gesang, nein, die ganze predigt wird per lautsprecher übertragen. der mullah oder wer auch immer, redet sich dabei richtig in rage und schreit irgendwann rum (vielleicht haben wir hier in der gegend auch einen besonders cholerischen mullah). gut, dass ich das zumindest noch nicht verstehe, aber es lenkt beim lesen furchtbar ab... ansonsten, außer mich über religiöse dinge aufzuregen (womit ich keinerlei religiöse gefühle verletzen wollte oder ähnliches), schwänze ich heute den arabischkurs und habe mal so richtig zeit auszuschlafen, lange zu frühstücken, zu lesen und shoppen zu gehen.

In damaskus hat es heute geregnet! Nicht nur das, es fielen sogar hagelkörner vom himmel! Wer noch andere beweise für den klimawandel benötigt ist ein ignorant. Es geschah am späten Nachmittag und dauerte in etwa eine halbe stunde. Ich war gerade schwerbepackt aus dem cham-city-center mit frischem baguette und altem gouda in der tüte zuhause angekommen, der himmel hatte sich schon 15 minuten vorher erstaunlich verdunkelt, da donnerte es. Kurz darauf fielen die ersten hagelkörner, die auf den wellblechdächern rings um meine wohnung einen höllenlärm machten. Dann schüttete es. Natürlich regenete es durch, da ich ja unter dem dach wohne. Nachdem ich schüsseln an den entsprechenden orten aufgestellt hatte, genoss ich den wunderbaren geruch von frischem regen und da kam auch schon wieder die sonne durch. In deutschland würde ich mich erstens nie über regen freuen und zweitens in panik geraten, wenn es an mehreren stellen meiner wohnung reinregnet. Hier weiß man, dass dies so selten der fall ist, dass es einfach zu viel aufwand bedeuten würde, das dach dicht zu machen und dass das wasser schnell verdunstet ist. man nennt es glaube ich arides klima. Oder auch arabisches laisser faire?

Und noch eine erstaunliche sache ist mir heute aufgefallen: Hier „regeln“ polizisten den verkehr ja häufig, man muss sagen, in opposition zu den ampeln. Also wenn die ampel rot zeigt, winken die polizisten durch, wenn sie grün zeigt stoppen sie den verkehr (manchmal winken sie aber auch weiter). Da gute international gültige regeln der verkehrslenkung den polizisten vermutlich abgehen (siehst du schutzmanns bauch und rücken musst du auf die bremse drücken und so), winken, fuchteln und pfeifen sie wild herum, so dass ich immer denke, dass sie nach drei monaten dienst einen herzanfall und einen tennisarm haben müssten. Allerdings hat nun das ganztägige fuchteln, winken und pfeifen zur folge, dass auch diese polizisten nicht mehr ganz zurechnungsfähig zu sein scheinen. ich habe heute zweimal beobachtet, dass sie (jeweils an großen kreuzungen) unkoordiniert allen richtungen gleichzeitig bedeutet haben, dass sie zügig (wichtig!) los-, bzw. weiterfahren sollen, so dass erst auf der kreuzungsmitte, als sie wagen aufeinanderprallten klar wurde, welchen vorteil diese bunten gelb-rot-grünen dekorationslampen haben können.

schicke uniformen, rattenplagen und die unergründlichen wege der posts

Gehe nach dem arabischkurs mit lisa und elke noch einen sandwich essen (zwei teilnehmerinnen des sprachkurses). Im "sale-sucre", diesem französischen schuppen. Die beiden sind klasse. Da sie nicht mehr studieren, sondern schon fertig sind, merkt man im gegensatz zu anderen kursteilnehmern auch eine gewisse reife. Wir werden am sonnabend noch mal zusammen zum essen gehen. Allerdings hätte ich den sandwich nicht nur ohne tomaten, sondern auch ohne maionäse nehmen sollen, denn kurz darauf grummelt mein magen. Die beiden haben gruppendynamische details aus dem arabischkurs verraten an denen ich glücklicherweise nicht teilhaben muss, da ich nicht am bab touma wohne (dem christlichen viertel, in dem fast alle sprachstudenten untergebracht werden). Ansonsten war der kurs heute ok, muss mir aber im anschluss einen anderen kurs suchen und habe angekündigt ab nächste woche in die gruppe darunter wechseln zu wollen (vor allem wegen des lehrers, ich weiß noch nicht, ob ich das so direkt sagen soll oder es mir meine gute kinderstube verbietet und ich andere gründe vorschiebe). Gehe dann ins internetcafe und kaufe im i-tunes-musicstore ein paar neue lieder. Das klappt ganz gut, wenn man etwas geduld aufbringt...

Seit kurzem wurden hier die verkehrspolizei-uniformen aufgeschickst. Die alten beigen uniformen sind verschwunden. Nun haben die polizisten dunkelgraue hosen und schnieke weiße oberhemden mit leuchtend gelben schulterklappen an und ganz große graue uniformmützen auf. Die mützen sehen aus, wie die alten sowjetischen oder die neuen hamburger polizeimützen. Der rest aber ist schick. Nur leider bemängelt man den waschaufwand. Denn die alten staubbeigen uniformen konnten auch mal zwei oder drei tage getragen werden, die neuen hemden müssen jeden tag gewaschen und gebügelt werden. Aber schnieke sehen sie aus! Allerdings hat es wohl noch nicht bei allen für eine neue jacke gereicht. Viele tragen weiterhin ihre alten verschlissenen lederjacken gegen die (ja auch hier im winder oftmals vorherrschende kälte). Einige aber haben schon tolle filz-jacken. Ebenfalls grau! Grau in grau – für einen verkehrspolizisten eine tolle farbe in der er garantiert nicht gesehen wird!

Damaskus leidet offenbar unter einer rattenplage. Im park huschen mehr ratten herum als menschen da sind. Und die katzen scheinen die ja nicht zu essen, sonst gäbe es nicht so viele, denn auch die katzen sind überall. Ich meine die sind ganz friedlich und laufen auch immer gleich weg, aber es sind schon verdammt viele. In deutschland sieht man ja ab und zu mal eine, wenn es regnet, aber hier kann man deutlich mehr sehen. darum scheint sich aber niemand zu kümmern. Dafür hat die regierung ein anderes wichtiges thema für sich entdeckt: die bustarife. Sie wurden gesenkt. Wenn man jetzt eine kurze strecke fährt, zahlt man statt 10 nur noch 5 lira. Daraufhin haben die busfahrer gestreikt, ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie man von dem geld benzin, geschweige denn mal einen neuen bus soll kaufen können soll. 5 lira sind 7 cent! Dafür kann man nun durch die halbe stadt fahren. Da die busfahrer offenbar keine 5 lira-stücke als wechselgeld mehr haben (wollen) geben sie nun kaugummis als wechselgeld. Das gibt es hier manchmal. Wenn die an der kasse keine 5 lira haben, bekommt man nen keks oder kaugummi statt der 5 lira. Spannend wäre, bei der nächsten fahrt mit dem kaugummi bezahlen zu wollen...

Ich habe auch den mann wieder gesehen, der mir einen brief angekündigt hatte. Es scheint ihn zu geben und ich habe verstanden, dass ich morgen um zehn uhr an meinen brief kommen soll. Er sei angeblich dann in dem laden, vor dem wir neulich noch die leute gefragt hatten, die aber von nix wussten. Naja, die wege des herrn sind schon unergründlich, die der syrischen post scheinen noch unergründlicher zu sein.

schwule bergparty, beirutisierte opposition und pressefreiheit

Michel ruft am gestrigen abend an, er wolle mit einigen freunden raus auf den berg hinter dummar, von wo man einen schönen blick über das nächtliche damaskus habe. ich komme also mit. sie holen mich in einem schrottreifen weißen wagen unbekannter marke ab, in dem vorne bereits drei und hinten mit mir vier leute sitzen und der nur schwer den berg hochkommt. die fahrt ist wahrscheinlich gefährlicher als der ganze flug aus deutschland hin und zurück. aber wir kommen heil an. oben sind bereits weitere bekannte und unbekannte versammelt. wieder eine dieser inoffiziellen homoparties. man ist gut ausgestattet. wasserpfeifen, decken zum drauf sitzen, getränke, knabbergebäck, alles parat (sogar alkohol, der in den kiosken von dummar – einem reichenviertel – frei verkäuflich ist, wo er sich doch sonst in damaskus hinter vorhängen in speziellen läden verstecken muss, gegen die deutsche fixerstuben einen offenen und einladenden eindruck machen). alles studenten, alle sprechen englisch, viele französisch. nette, aufgeschlossene leute, die fragen, was mir an syrien gefällt (vieles) und was nicht. wenn ich mir etwas negatives (auf ausdrückliches nachfragen) herausleiere, setzen sie zur sofortigen verteidigung ihres landes an.

Die amerikaner können hier glaube ich lange nach einer vernünftigen oppposition suchen. die einzigen die sie finden würden, wären die muslimbrüder und andere fanatische islamisten. die böten sich sicher gerne als koalitionäre gegen die regierung hier an. mich erstaunt das schon etwas, denn einiges liegt ja schon im argen (denken wir nur mal an die menschenrechte), aber alle anwesenden betonen, dass der präsident ja gerne würde, die leute, die ihn umgeben, aber hinauszögern. es werde aber nicht mehr lange dauern, und syrien werde die europäisch-arabische akte (welche auch immer, da scheint es eine zu geben) unterzeichnen und müsse dann die menschenrechte besser achten und die todesstrafe abschaffen und für homos werde es dann auch besser (dann gäbe es bars und alles wie in beirut). ich weiß nicht, ob ich das „alles wie in beirut“ möchte. es wird ja viel von der beirutisierung von damaskus gesprochen, für mich ist das eher ein schreckgespenst. im rotana-cafe, einem fanal der beirutisierung, kostet ein kaffee 500 pfund. das sind 7 euro. wer kann sich das hier leisten? vor dem rotana-cafe sitzen die bettler und kriegen von den neureichen säcken nix. steuern in angemessener höhe müssen sie auch nicht zahlen, von denen ein sozialsystem zu finanzieren wäre. wenn dann auch noch die wasser- und stromversorgung individualisiert und auf hausgeneratoren umgestellt würde, wäre damaskus beirut noch einen schritt näher. herzlichen glückwunsch!

Habe heute noch drei syrische zeitungen gekauft, die für meine daheimgebliebenen freunde als beispiel dafür herhalten werden, was keine pressefreiheit ist. sie haben die blumigen namen „revolution“, „oktober“ (da war die revolution) und „wiedererweckung“ (der name der gleichnamigen arabischen-sozialistischen wiedererweckungspartei, die sich durch besagte „revolution“ im oktober vor vielen dekaden an die macht brachte) alle drei haben in guter alter sitte das gleiche bild auf der titelseite (und damit vermutlich auch den gleichen aufmacher). Alle drei haben jeden tag den präsidenten auf dem titelbild, wie er immer in seinem empfangszimmer mit wichtigen männern sitzt und wichtige gespräche führt oder wie er die werktätigen besucht (natürlich nicht im friseur-salon sondern in einer fabrik mit arbeitern, die mindestens helme tragen). da kann man auch ohne die schrift lesen zu können sehen, was gleichgeschaltete presse heißt. aber genug der kritik, schließlich bin ich nicht unbedingt hier, um zeitkritische diagnosen zu verfassen.

beleuchtete schwule, freie rede und die unwägbarkeiten des taxiwesens

Der park, in dem sich seit menschengedenken die homosexuellen treffen ist nun die am hellsten ausgeleuchtete stelle der stadt! alle 2 meter wurden 300 watt leuchten aufgestellt, die, wie rafik sehr richtig feststellte, die augen kaputt machen – heißt: extrem blendiges und grelles licht abgeben. was die schwestern nicht hindert, sich in massen dort zu treffen. selten so viele auf einem haufen gesehen. Heavy cruising! es erstreckte sich bis in die anliegenden straßen. Wurde auf meinem rückweg noch von zwei doppelgeschwadern verfolgt! vor dem omajad hotel wurde ich dann eingeholt und direkt eingeladen, mit einem libanesischen und einem syrischen jungen mann noch einen drink zu nehmen, man logiere im four seasons, wolle aber noch etwas trinken, liebe die deutschen, insbesondere hannover (!!) ich habe – nicht nur ob der geschminkten augen – dankend abgelehnt. aber kaum waren die abgeschüttelt, kamen auch schon zwei weitere, die mich schon die ganze zeit verfolgt hatten. zum glück ließen die von mir, da just in dem moment vier soldaten in uniform um die ecke kamen und hinter den beiden herpfiffen. die aber ergriffen nur die flucht, denn wenn ich ihr beuteschema war, waren es die soldaten sicher nicht. schande! was soll aus dieser stadt nur noch werden?

Hier sind ja doch mehr redewendungen als bei uns sehr religiös und sehr blumig. allein der normale begrüßungsdialog streckt sich über fünf minuten und spart nicht mit blumigen redewendungen („bei meinen augen“ – „allah schütze deine gesundheit“ „ die gesundheit komme zu dir von allah“, „er gebe, dass du einen schönen morgen hast“ und so weiter). das kann ganz schön anstrengend sein, da sind wir mit „na, wie geht’s“ – „es geht“ ja doch recht knapp. zudem wird „ahlahn wa sahlahn“ (was willkommen heißen soll, aber wörtlich wohl „ich wünsche dir freunde und land“ heißt) ungefähr 30 mal wiederholt. auch das kostet zeit. leider sind die sätze, die ich inzwischen stammeln kann noch vom schlage „ich habe heute zum frühstück brot mit käse gegessen.“ aber immerhin. dennoch: die freie rede ist in arabisch mein ding noch nicht.

Auf dem rückweg vom sprachkurs nehme ich heute ein taxi. das ist schwierig, denn es kommt die alte syrische taxifahrerkrankheit durch, dass sie immer nur in eine richtung fahren wollen. vielleicht haben sie bald schichtwechsel und wollen schon in die richtige richtung. einmal sagte ein fahrer mir, er habe nicht mehr genug benzin, um nach scha’alan zu fahren. oft zeigt der fahrer des leeren taxis die richtung schon mit der hand an. was weiß ich ob ich nach richtung rechts oder links muss? die potenziellen fahrgäste rufen dem fahrer des leeren taxis im langsamen vorbeifahren die destinationen zu. in 90 prozent der fälle lehnt der fahrer ab und fährt leer weiter. wenn ein taxi aber mal einen gast aufnimmt, dann ist es in letzter zeit modern geworden, dass man sich das taxis teilt. oft werden noch weitere gäste zugeladen, die auch in etwa in die richtung wollen. bei den benzinpreisen und den niedrigen taxipreisen wohl eine notwendigkeit, um die kosten reinzukriegen. wenn man das marktwirtschaftlich betrachten würde, kann man von einem eindeutigen nachfrageüberhang sprechen. das angebot ist zu knapp. was aber komisch ist, ist dass die anbieter ihre ware nicht mal anbieten, wohl – wieder marktwirtschaftlich gedacht – weil der ihnen gebotene preis zu niedrig ist. er fährt lieber leer als mit gast. tja, vielleicht gibt es auch andere gründe, aber das ist eben einer der beweise, dass es eine wirkliche marktwirtschaft hier noch nicht gibt. als ich nach 30 minuten schon verzagt war, hält direkt vor mir ein taxi, aus dem zwei gäste entsteigen. aber der fahrer lehnt ab, er habe keine zeit. da kommt ein resoluter polizist und verfügt, dass ich einsteigen solle und der fahrer mich zu fahren habe. eine ecke weiter lässt er mich wieder raus, denn er versichert mir glaubhaft, er habe eine verabredung zu der er nicht käme, wenn er mich noch fahren würde. zum glück finde ich wenig später ein taxi, das mich auch freiwillig mitnimmt.

alkoholisierte streithähne, chinesische busse und parkscheinautomaten

Gestern abend vor dem omajad-hotel, in dem ja immer dieser berühmte z-club stattfindet (eine sehr angesagte disco), war ein mordsgetöse. massen strömten wild gestikulierend und schreiend heraus und es war gar nicht zu erkennen, wo da wer gegen wen schrie, denn es gab mindestens 6 streithähne, die aber alle an wechselnden fronten in verschiedenen koalitionen beschäftigt schienen. zwischendurch die versuche – ebenso ungeschickt wie laut – die streithähne zu beschwichtigen. mehrere kreischende frauen (leichtbekleidet und langhaarig – also reich) verkomplettierten das bild, das ich mir eine zeitlang angeschaut habe. dort im hotel wird ja alkohol ausgeschenkt und man konnte also sehr deutlich die schlimmen folgen dieser droge erkennen. in deutschland gibt es so was ja alle tage, aber hier habe ich so was noch nicht gesehen. eine plötzliche wendung nahm das ganze, als ein weißer opel astra kombi vorfuhr. die vier männer von der geheimpolizei waren noch nicht ausgestiegen, da hatte sich die ganze szenerie in luft aufgelöst! und die herren polizisten hätten wohl auch nichts mehr mitbekommen, wenn nicht ein fetter wüterich just in dem moment brüllend aus dem hotel gestürmt gekommen wäre. damit ging das schauspiel in eine neue runde, denn sofort waren die sich eben zerstreuenden massen wieder zusammengekommen. aber die lage beruhigte sich schnell. was nun genau gegenstand des streits war, kann ich nichtmal vermuten, denn außer einigen schlimmen schimpfwörtern habe ich nichts verstanden.

In damaskus gibt es ja seit einem guten jahr nun auch ein modernes busnetz mit nummern! Mittelgroße, grüne, chinesische, moderne busse mit digitalanzeige und gelben plastikschalensitzen, die schon für kleine chinesen knapp bemessen sind. allerdings gibt es keinen plan welcher bus wohin fährt und auch keine fahrpläne – wäre ja auch zu schön! ja, die globalisierte gleichmacherei muss auch eine grenze haben! hier ist sie noch zu spüren! besonders toll: man hat die roten kleinen „Stopp“-knöpfe vergessen und muss seinen haltewunsch durch den ganzen bus zum fahrer brüllen. Zudem gibt es nur einen ticketentwertungsapparat beim fahrer, was dazu führt, dass wenn man hinten in einen vollen bus einsteigt, man andere fahrgäste bitten muss, das ticket zum entwerter zu befördern (und wieder zurück). Apart! Ich hatte bisher auch wenig gelegenheit diese busse zu benutzen, denn ich komme mit den klassischen mikro-bussen überall hin oder gehe eben zu fuß, wenn die voll sein sollten. Überhaupt achtet man seit geraumer zeit mehr auf verkehrsdinge. Die lustigen weißen balken auf der straße (nein, nicht die zebrastreifen – die werden natürlich weiterhin ignoriert, das kommt erst im fortgeschrittenenkurs), also die lustigen balken, die anzeigen, wo man als auto vor einer roten ampel zu halten hat, sind erst seit ca. 2 jahren da.

Dass man tatsächlich vor einer roten ampel hält ist auch recht neu und wird gewissenhaft von polizisten (gibt es ja genug) überwacht. im taxi muss man sich jetzt vorne anschnallen und alle machen das auch! auch wenn eigentlich die iraker den ruf haben, die deutschen arabiens zu sein (von wegen deutsche tugenden und so’n schmonz), ich finde die syrer könnten den award ebenso einstreichen. allerdings muss man sagen, dass dieses neue gesetz auch mit erheblichen strafen droht. 2000 lira, wenn man sich nicht anschnallt, das sind 30 euro – hier ein viertel monatslohn! also wenn sie was machen, dann richtig. Und: es gibt für falschparker jetzt die aus amsterdam bekannte gelbe kralle! und: parkscheinbautomaten. ein unicum, habe zuvor noch nie so was hier gesehen. immerhin: jeder parkscheinautomat wird von einem städtischen mitarbeiter betreut, denn der automat ist in 99% der fälle kaputt und dann verkauft der mitarbeiter die parktickets, im fall des letzten verbliebenen prozents (wenn der automat also geht) kann der fahrer den automaten natürlich nicht bedienen und benötigt die hilfe des mitarbeiters. es ist alles so wunderbar eingerichtet auf dieser welt!

waschmaschinen, schokoladen-kitsch, hochzeitsterror und schlechter sex

Heute der freie tag beim sprachkurs! (hier ist freitags sonntag) Endlich! Stelle heute morgen früh die waschmaschine an und gehe wieder ins bett. als ich aufstehe, stelle ich fest, dass sich der deckel selbsttätig geöffnet hat (wenigstens das ist an dieser maschine selbsttätig) und das wasser ausgelaufen ist. nicht so schlimm, es sind ja überall bodenabflüsse und nach 2 stunden ist eh fast schon alles getrocknet. nachdem ich sie erneut anstelle, stellt man das wasser ab. was macht eine waschmaschine ohne wasser? ich hoffe, dass sie nicht anfängt zu brennen oder so. da ohne wasser keine warme dusche, mache ich, wie es hier eine alte sitte gebietet (dafür gibt es extragroße töpfe in meinem küchenschrank) in 2 großen kesseln auf dem gasherd heißes wasser (welches zuvor in 10-liter-kanistern abgefüllt seiner bestimmung in der kammer harrt), da ist auch die gasflasche leer! zum glück kocht unterdessen das kaffeewasser. erstmal einen kaffee... es gibt nicht vieles in deutschland, was ich vorbehaltlos bejubeln würde, aber eine funktionierende gas-, wasser- und stromversorgung schon!

Gestern am frühen abend michel (einen jungen christen, den ich neulich auf der straße - ja, das geht hier - kennengelernt hatte) in seinem belgischen (!) schokoladengeschäft besucht. was für ein kitsch! Der laden macht die deko, wenn leute heiraten oder kinder getauft werden. dabei verzieren sie kleine schokoladentäfelchen dermaßen, dass man sie gar nicht mehr essen mag. er sagte mir, die leute essen die eh nicht, die stellen sich die schoko-deko nur zuhause hin. aber dafür geben die ein heidengeld aus. ein mikroskopisch kleines täfelchen kostet einen dollar, unter 100 stück geht nix. und das dann alles in rosa oder goldglitter mit schleifchen und hast-du-nicht-gesehen. auch die armen leute machen so was (vielleicht nicht mit der guten belgischen schokolade), was rafik mir bestätigen konnte, da er sich selbst gerade mit dem thema beschäftigt.

Sein sohn soll ja heiraten, also er will heiraten, verlobt ist er schon. und nun drängen die eltern der braut, die hochzeit möge recht bald stattfinden. beide wollen, die eltern sind auch nicht dagegen, also sollte man denken: geritzt. aber da hat man die rechnung ohne den wedding-planer gemacht. erstens muss die familie des bräutigams alles bezahlen, zweitens muss eine aussteuer ausgehandelt werden, drittens ein riesiges, kostspieliges fest organisiert. ohne geht gar nicht! die aussteuer ist auf 75.000 lira (1100 euro – ungefähr acht monatsgehälter eines durchschnittsverdieners) festgesetzt. davon kauft sich die braut das kleid. Sein sohn hat das geld fast zusammen. (wenn man bedenkt, dass die familie jetzt im winter kaum heizt und schon seit monaten kein fleisch mehr kaufen kann, um die kosten für die hochzeit zusammenzukriegen, dann ist man über die enttraditionalisierung der lebensweisen bei uns doch irgendwie auch erleichtert!) jetzt also noch das fest. rafik musste am abend schnell nach hause, weil die eltern der braut wieder vor der tür standen, um druck zu machen. da musste wohl nachverhandelt werden. Es erstaunt mich dann schon, wie sehr auch moderne, aufgeklärte menschen hier in solchen traditionen gefangen sind. er will durchsetzen, dass ein fest nur für die frauen gegeben wird, und die männer zuhause feiern, also nicht auch noch in einer gemieteten halle. heißt auch: die hochzeit wird absurderweise getrennt gefeiert – auch da ein lob der enttraditionalisierung!

Bei aljazeera international diskutieren sie unterdessen über sex. insbesondere am beispiel ägypten fällt plötzlich auf, dass die sexuelle unterdrückung zu sexueller frustration führt, die zunehmend in sexuelle belästigung junger frauen mündet – wer hätte das gedacht? in ägypten scheint es seit der zeit, wo ich da war (vor bestimmt 6 jahren) auch immer schlimmer geworden zu sein. Hier geht es diesbezüglich wirklich entspannter zu. Eine weitere absurdität der fehlenden sexuellen aufklärung in muslimischen ländern: nachdem man den mädchen bis zur hochzeit erzählt, sex sei schlimm und männer seien böse, sollen sie ab der hochzeit nicht nur das gegenteil glauben, sondern plötzlich auch noch gut im bett sein (ohne jede erfahrung und somit ohne übung oder generalprobe). das kann ja nur in die hose gehen.

fußgängerbrücken um used-look, nonnen und die schnabelsandale

Bei meinem gang durch die stadt heute ist mir aufgefallen, was sich in den jahren, die ich nun hierherkomme, alles verändert hat (neben dem auftauchen von coca cola und der eröffnung erster kfc-„restaurants“). Also ich meine vor allem in baulicher und städteplanerischer hinsicht. Es ist doch schon allerhand umgestaltet worden: die fußwege neu gepflastert, viele plätze neu gestaltet, parks neu geschaffen, füßgängerbrücken aufgebaut und wieder abgerissen (ohne adäquaten ersatz zu schaffen) und die park-umzäunungen sind fast gänzlich verschwunden (früher waren die parks ummauert). Erstaunlich: wenn man nicht weiß, was neu ist, würde man nicht glauben, das etwas neu gemacht wurde, denn sie schaffen es, die dinge im „used look“ zu erstellen. Man würde es an den inzwischen bereits zerborstenen und verdreckten platten nicht erkennen, dass zum beispiel ein platz neu gepflastert wurde. Auch die „neuen“ fußgängerbrücken (mit hilfe derer man die straßen sicher überqueren kann, dafür aber ständig am treppensteigen ist) sehen aus, als ob sie schon mindestens 25 jahre auf dem buckel hätten, regelrecht verfallen, dabei sind einige erst zwei oder drei jahre alt. Wie die das wohl machen? Andererseits scheinen sie auch zur besinnung zu kommen und reißen die dinger schnell wieder ein, denn es sind gänzlich grässliche ungetüme, die einem den blick versperren und die fußgänger zu ständigem treppensteigen nötigen. Dabei seht der verkehr doch eh im stau – da kommt es auf ein paar zwischen den autos herumhühnernde fußgänger mehr oder weniger doch nun wirklich nicht an!

Gestern ein ereignisreicher tag. Am abend spät aus dem italienischen krankenhaus gekommen, in das wir (faruk – ein freund und ich) rafik bringen mussten. er hatte im restaurant wohl was schlechtes gegessen, sein magen machte arge probleme aber auch sein kreislauf und er hatte kalte schweissausbrüche. und da er es ja mit dem herzen hat, dachte er, es sei schlimmeres. ein krankentransport auf syrische art, mit laut hupendem taxi und stöhnendem kranken auf dem beifahrersitz... es war schon schwer, überhaupt ein taxi zu bekommen und die autos stehen im stau hier schlicht so dicht, dass man wirklich nicht durchkommt. Aber die taxis hupen unermüdlich und haben warnblinker an und irgendwann werden sie auch durchgelassen. also ich muss sagen, dass ich einen krankenwagen bevorzugen würde, aber die scheint es ja hier nicht zu geben. im krankenhaus kam (neben drei ärzten, vier pflegern und reichlich hilfspersonal) auch eine kleine italienische nonne mit dickem kreuz um den hals (ich dachte schon, um ihm die letzte salbung zu geben), die echt klasse war und etwas deutsch sprach. ekg, blutzucker, blutdruck, abhorchen, abtasten, ausführliche und das gewöhnliche mass übersteigende beratung (drei mal durch drei ärzte) und zwei spritzen (gegen was auch immer) für umgerechnet 15 euro - da kann man nicht meckern. aber die muss man hier dann auch erst mal haben. Sonst kriegt man nix. Ich hoffe nicht, dass der neue gesundheitsminister sich vom hiesigen system inspirieren lässt. Inzwischen geht es rafik wieder besser – aber in das restaurant gehen wir nie wieder!

Abschließend noch eine kleine kuriosität des damaszener lebens: der schnabelschuh! wenngleich er hier wohl keine renaissance feiert (denn er war in der arabischen welt wohl nie verschwunden), so erfreut er sich doch enormer beliebtheit. da das wetter hier (zumindest die meiste zeit im jahr) das tragen von sandalen befördert, hat eine besondere kreation auf den markt gebracht: die schnabelsandale! eine sandale, bei der vorn in der mitte des schuhs ein längliches, ca. 2 centimeter breites lederband, gebogen in weitem bogen über die schuh-, bzw. sandalenspitze gespannt wird. ich konnte den blick kaum von dieser merkwürdigen konstruktion abwenden. dass man damit gehen kann... aber nun, der träger der schnabelsandale geht ja nicht: er stolziert!

fliegende händler, weiße wäsche und die ursuppe des sozialismus

Beim arabischkurs heute schlimm. Erste die substantivendungen der fälle, die man umgangssprachlich nicht verwendet, dann die relativpronomen, die auch umgangssprachlich deutlich reduzierter nur nötig wären, dann die zeit mit den ordinalzahlen, wobei sie im alltäglichen leben mit normalen zahlen gesagt wird und zu guter letzt den dual, den selbst islamwissenschafts-studenten in deutschland kaum noch lernen, weil er nicht verwendet wird. Ich hätte im bett bleiben sollen.

Habe gestern abend mit rafik eine tour gemacht und dann haben wir uns in einem internetcafe noch aus der hand lesen lassen. Ich war erst etwas zögerlich und habe meine einem aufgeklärten europäer gut zu gesicht stehende skepsis solchem hokuspokus gegenüber zur schau getragen (allerdings: es kostete nix, es war von freunden der besitzer des internetcafes, die ich gut kenne, also ein reiner freundschaftsdienst). Aber neben wenigen fehlgriffen war allerhand richtiges dabei. Dass ich in einem monat eine reise machen werde (wohl eher innerhalb syriens) kommt hin, dass ich gewissenhaft bin und gerne langfristig plane stimmt auch. Mehrere andere dinge, die ich hier jetzt lieber nicht schreibe, waren auch richtig. Ich hoffe, dass auch das mir vorhergesagte lange leben und meine bombengesundheit keine fehlgriffe waren. Was man so alles aus ein paar falten der hand lesen kann...

Auf den bürgersteigen vor den läden machen sich immer wieder und in wellenbewegungen fliegende händler breit, viele glaube ich aus aus asien oder russland. Aber die staatsmacht hat ihnen den kampf angesagt. Die polizei taucht immer mit mehreren leuten und pick-ups auf und kassiert die sachen von den händlern ein, wenn diese die sachen nicht schnell wegräumen. Dabei gehen die händler oftmals so dilletantisch vor, dass es einem blinden mit `nem krückstock auffallen müsste, dass der zusammengebundene sack neben dem zufällig herumstehenden verkäufer die waren sind, aber die polizisten gucken nicht so genau hin. Erst habe ich gedacht: wie gemein! Den armen händlern ihre geschäftsidee vermiesen, aber ich glaube das programm heißt, hochwertigere arbeitsplätze zu erhalten, nämlich diejenigen in den läden, die durch die straßenhändler ja eine billigere konkurrenz bekommen. Wenn alle den plunder bei den fliegenden händlern kaufen, gehen die läden pleite – sorum kann man das auch sehen. Aber eine endgültige meinung habe ich mir dazu noch nicht gebildet.

Dann habe ich mir noch „bleach“ oder so’n zeug für die waschmaschine gekauft. Ich erinnerte mich noch an die erzählungen der tante eines bekannten, die in amerika gewohnt hatte und meinte, sie müsse immer bleichmittel in die waschmaschine geben, damit die wäsche überhaupt sauber werde, denn die waschmaschine sei so schlecht. Ja, meine ist es offenbar auch. Das weiß, das die innerhalb kurzer zeit produziert, ist eben kein weiß mehr. Mit einem guten amerikanischen (!) produkt, das es hier bezeichnenderweise auch überall gibt, hoffe ich dem abhilfe schaffen zu können. Immerhin ist meine waschmaschine vollautomatisch! Ja, das ist hier nicht selbstverständlich! Viele maschinen nehmen einem nur das drehen ab, das wasser ein- und auslassen, die organisation der spülgänge und manchmal selbst das erhitzen des wassers muss man selbst übernehmen, man hat ja sonst nix zu tun! Dann habe ich noch eine gute alte mandarin-cola getrunken. Das ist die alte syrische marke, die hier verbreitet war, bevor coca-cola und pepsi auch dieses land überschwemmt haben (hier hat der eiserne vorhang diesbezüglich zumindest etwas länger – so bis 2007 – gehalten). Sie schmeckt lecker, ein bischen wie ddr-cola, nach diesem unverwechselbaren geschmack, den auch das putzmittel in der ddr hatte (es roch zumindest so, getrunken habe ich es nie) und der vermutlich von einer ur-substanz des sozialismus herrührt, aus dem alles hergestellt wurde. Das originalrezept zu dieser sozialistischen ursuppe hat sicher väterlein stalin höchstpersönlich entworfen.

zweitakterabgase, sozialistische tankstellen und die regeln des busfahrens

Der brief, von dem ich irriger weise annahm, er würde seinen empfänger immer erreichen, ist noch nicht bei mir angekommen. Rafik und ich haben schon überall gefragt, aber es scheint kein organisiertes prinzip der briefhinterlegung (in einem laden oder so) zu geben. Auch beim stasi-bürgermeister-amt an der ecke wusste man nichts von einem brief (erstaunlich! Dabei hätten die ihn doch sicher zuerst lesen müssen!). so kann ich nur hoffen, dass es sich nicht um eine geldsendung oder einen wichtigen wert- oder liebesbrief handelt.

Gestern um halb zwei treffe ich mich mit baschar, den ich neulich auf der party kennengelernt habe und wir fahren zusammen zu seiner arbeit nach sehnaya, außerhalb von damaskus, wo er als pferdewirt arbeitet auf eine pferdefarm. Das ist ein schöner ausflug aufs land, die luft ist sauber, überall olivenhaine und sonne! Mehrere pferde, ich hätte reiten können, habe aber mit rücksicht auf meine gebeine dankend abgelehnt. Auf dem rückweg im mikro überholt uns ein zweitakter. Die sonne scheint, der geruch von zweitakterabgasen lässt die erinnerung an die alte ddr und damit die illusion von sozialismus in mir aufkommen. Ich schließe die augen und als ich sie wieder öffne, sehe ich eine tankstelle, die einen sozialistischen wettbewerb gewonnen hat. Der preis wurde für die größtmögliche menge verbauten betons gegeben. Bei so einer imposanten architektur fällt einem die 500 meter lange schlange an autos, die zum tanken anstehen gar nicht mehr auf. Nicht elektrifizierung+sowjetmacht=sozialismus, wie lenin dachte, sondern sonne+zweitakterabgase=sozialismus. Als der mikrobus hält, steige ich direkt vor dem gelände der „arabischen sozialistischen baath-partei“ aus.

Bei meiner heutigen fahrt im microbus (so kleine 12-sitzige busse in vw-bus-größe, die überall hin fahren) ist mir aufgefallen, dass es ein ausgeklügeltes system des gegenseitig platz-machens gibt. Neben den selbstverständlichkeiten, dass junge leute im vollen bus den unbequemen platz auf dem ersatzrad nehmen, wenn jemand älteres einsteigt, machen männer sofort platz, wenn eine zusteigende frau sich neben einen mann setzen müsste (weil z.b. nur noch zwei einzelne plätze neben männern frei sind) und räumen die bank auf der sie sitzen und setzen sich selbst auf den platz neben dem anderen mann, damit die frau alleine auf einer bank sitzen kann. Wenn paare zusteigen werden auch manchmal durch umsetzen anderer fahrgäste zwei plätze nebeneinander freigemacht. Insgesamt ist das verhalten ausgesprochen rücksichtsvoll, zum beispiel gibt es kaum leute, die sich laut unterhalten, um niemanden anderes zu stören. Das geld, das nach vorne durchgegeben wird, muss allerdings, wenn möglich einem anderen mann gegeben werden, wenn das nicht geht, weil vorne nur frauen sitzen, dann gibt man die geldstücke mit spitzen fingern, so dass sich die hände bei der übergabe nicht berühren müssen. Je weiter man dem christlichen viertel kommt, desto weniger gelten all diese regeln. Bis auf das freundliche platzmachen, das bleibt gleich.

die mühen des spracherwerbs und die mysterien der briefzustellung

Heute beim arabischkurs habe ich noch gut mithalten können. Aber es ist anstrengend! Der stapel der vokabeln allein aus den beiden tagen ist eher ein wochenprogramm, dabei muss ich nicht mal alle vokabeln lernen, denn einige kann ich schon. Allerdings muss ich einige hocharabische wörter neu lernen, wo ich syrisch-arabische kann. „ams“ heißt gestern, auf syrisch aber „mbareh“. Das hat keine ähnlichkeit und so geht es mit cirka einem viertel aller wörter. In der schule habe ich trotz meiner müdigkeit gemerkt, wie schlecht doch unser lehrer ist. Wir sollten dialoge im restaurant sprechen, aber anstatt dass er uns ein bischen zeit gibt und machen lässt und dann korrigiert, hat er jedes wort sofort korrigiert und wenn etwas nicht schnell genug kam, was er hören wollte einem das wort vorgesprochen, so dann man immer nur wie ein papagei nachgeplappert hat. So kann man überhaupt nicht sprechen lernen!

Außerdem ist der kurs extrem grammatiklastig: allein in den ersten tagen die personalpronomen, der dual (!), ein suffiertes besitzanzeigendes dingsda für den genitiv und die possesivpromonina aller 21 personalpronomen mit ihren jeweiligen endungen! Zum glück kamen in der zweiten hälfte tandempartner (syrische deutschlernende) und das war sehr lustig. Habe zu viert mit einer sehr netten türkischen islamwissenschaft-studierenden aus freiburg und zwei deutschlernenden syrern (die allerdings schon bedeutend besser deutsch als wir arabisch konnten) eine kleine gruppe gebildet und das hat wirklich was gebracht und spaß gemacht. Allerdings lassen sich fortschritte nur im mikroskopischen bereich messen. Es gibt in unsererm kurs einige, die seit jahren arabisch studieren und es immer noch nicht können und meinen, man brauche sicher 10 jahre um es zu lernen. Ja, das macht hoffnung.

Gestern abend sprach mich ein mir vom sehen bekannter herr in meiner straße an, es sei ein „rissala“ für mich angekommen. Ich habe, obschon wir am tag noch beim sprachkurs „bil barid“ – bei der post – hatten, kein wort verstanden. Ja so ist das: grau ist alle theorie. Rissala heißt brief. Nun scheinen briefe hier nicht an den empfänger zugestellt zu werden, hätte mich auch gewundert, denn ich habe noch nie einen postboten gesehen und auch weder briefkasten noch einwurfschlitz, sondern an einen laden in der nähe, der sich dann um die weitere verteilung kümmert. Leider weiß ich nicht, in welchem laden der herr arbeitet, so dass ich auch auf dem rückweg noch mal langsam die straße auf und ab gegangen bin, in der hoffnung, es käme vielleicht einer aus einem laden auf mich zugesprungen und bedeutete mir, es sei ein brief für mich da, aber nichts! Ich bin dann noch in einen laden hereingegangen, den ich in verdacht hatte (einen zeitungsladen. Das würde ja zumindest wegen des papiers besser passen als der klempner oder die tischlerei), aber auch dort war der herr nicht und ich wollte nun nicht überall blöd „rissala“ fragen gehen. So muss ich mich nun also gedulden. Ein brief erreicht bekanntlich ja immer irgendwie seinen empfänger.

Am abend gehen wir zu ahl schams am arnous essen, wo man so herrlich auf der dachterrasse sitzen kann. Es sind fast nur frauen anwesend und kinder. Es scheint sich um eines der letzten restaurants in staatsbesitz zu handeln, auf jeden fall ist das personal heute ähnlich unorganisiert wie damals in der ddr. Allerdings netter. Der kellner ist zu scherzen aufgelegt, weil weder der salzstreuer funktioniert, noch genug gabeln da sind. Das essen aber ist gut. Schisch tawuk und steak mit senfsauce. Vorher tabboulee und humus und einen limonensaft mit minze (ein wirklich erfrischendes getränk, das ich neu entdeckt habe). Vollgefressen machen wir uns auf den weg nach hause und hören zuhause noch die beiden neuen cd’s von schirin und george wassouf, die wir vorhin noch erstanden haben (jede für ungerechnet nur ca. zwei euro!).

nullanfänger und das krankenhausgefängnis

Heute der erste tag beim arabischkurs. Eine nette gruppe. Allerdings fast alles studenten, und da ich inzwischen auf meinen umgang achte, halte ich mich an die anderen drei oder vier nichtstudenten: eine pensionierte ärztin aus hamburg, eine politikwissenschaftlerin aus münchen (sehr nett!!) und einen was auch immer aus berlin, der bald zur arbeit nach dibai gehen muss. Die anderen 33 sind studenten, vorwiegend studentinnen der islamwissenschaften, viele türkische oder bosnische mädchen mit kopftuch aus heidelberg oder der schweiz, die neben türkisch (was sie ja nun schon meistens können) noch arabisch lernen müssen, was sie jetzt versuchen wollen. Die gruppe wird wohl in drei gruppen geteilt. Nullanfänger, etwas vorkenntnisse und fortgeschrittene. Ich werde vermutlich in die mittlere gruppe kommen, denn ich kann die buchstaben und einige wörter schon. Heute war nur die einführung, die kennlernrunde, das organisatorische, also alles nicht so anstrengend.

Die meisten, ich glaube fast alle, sind das erste mal hier und wurden auch von der sprachschule untergebracht (am bab touma) und es gibt dementsprechend auch ein rahmenprogramm, das aus stadtrundgängen (wie komme ich zum bab touma?, wo kriege ich geld? Wo ist ein nettes cafe? Etc.) besteht, die ich nicht mitmachen werde. Daneben sind ausflüge geplant und zwei vorträge über politische themen von spezialisten (mittwochs abends – da werde ich hingehen). Zwei mal haben wir tandemsitzungen mit arabischen studenten, die deutsch lernen, so dass man mal ausprobieren kann, was schon geht. Die räume sind deutlich weniger schick und schlechter ausgestattet als ich gedacht hätte, aber ok. Alles in allem macht das einen guten eindruck und scheint auch – obschon ich natürlich noch keine stunde arabisch hatte – besser zu sein als erwartet und besser als der türkischkurs den ich mal in istanbul gemacht habe. Es soll sprachpraktischer orientiert sein und hoffentlich ist es das auch.

Rafik hat heute eine unglaubliche geschichte zu erzählen: er war am gestrigen abend von einem bekannten auf dem motorrad mitgenommen worden, der ihn zufällig auf der straße auf dem nachhauseweg getroffen hatte. Rafik fuhr also mit (natürlich ohne helm, wie hier alle) und der fahrer hat ein missglücktes überholmanöver versucht, bei dem ein schlimmer unfall passierte. Ein auto prallte gegen einen brückenpfosten, der fahrer schwer verletzt, der motoradfahrer auch verletzt (kopf, schulter und so weiter) und rafik einfach nur vom motorrad gefallen und – unverletzt! Er muss eine ganze heerschaar von schutzengeln beschäftigen. Allerdings wurden alle ins krankenhaus gebracht, da auch rafik schwindelig war und sich allein schon wegen des schocks nicht gut fühlte. Da der motorradfahrer beim geheimdienst arbeitet, musste die vernehmung über den unfallhergang nicht von der normalen verkehrspolizei, sondern von einer speziellen polizei durchgeführt werden und da personen zu schaden gekommen sind, durften alle das krankenhaus (oder das krankenhausgefängnis wie rafik sagte) nicht verlassen.

Bis am abend 18 uhr war rafik im krankenhaus, seine familie natürlich auch, im unklaren darüber, was rafik hat (sie dachten etwas wegen seines herzen oder was auch immer), denn sie durften wegen der vernehmungen zum unfallhergang nicht mit rafik sprechen (es hätte ja was verschleiert werden können!). Rafik hatte totale angst, dass der fahrer ihm einen teil der schuld in die schuhe schieben wollte, das hätte für ihn wirkliche probleme bedeutet, aber der war wohl total korrekt, hat alle schuld auf sich genommen und so durfte rafik dann gehen. Er hat etwas schmerzen in der hüfte von dem sturz, aber es ist alles geröncht worden und da ist nix, also vermutlich wird das ein blauer fleck. Nur hemd und hose – keine lederschutzbekleidung versteht sich – sind kaputt. Wie gesagt: schutzengel. Und rafik wusste noch etwas positives zu berichten: der doktor sei sehr hübsch gewesen!

sylvester findet gar nicht statt!

Sylvester findet in damaskus eigentlich gar nicht statt. Also zumindest nicht auf der straße und auch für unsereins nicht sichtbar. Ich hatte mich vorher erkundigt, ob es denn auch partys geben würde und natürlich hat man mir bestätigt, dass es welche gäbe. Aber fehlanzeige! Vermutlich war es allen schlicht zu peinlich zu gestehen, dass man das neue jahr (welches hier ja im prinzip nur eine der beiden zeitrechnungen markiert) gar nicht wirklich feiert (außer in modernen und teuren discotheken europäischen stils, weit außerhalb der stadt gelegen, so dass man nur mit einem auto hinkommt, wo die jeunesse doree unter sich bleibt). Außer ein paar mehr polizisten auf den straßen keine besonderheiten zu vermerken. Kein einziger böller (geknallt wird eh lieber am fest zum ende des ramadan, manchmal auch beim schlachtfest, aber eben wohl nicht wirklich zum neuen jahr). Mir kommt das ganz gelegen, denn ich habe diese sylvester-hysterie (mit den dazugehörigen depressionen und brandverletzungen) nie gemocht. Jetzt also 2010. Auch gut. Der kalender in meinem schlafzimmer (der noch von den vormietern dort hängt) zeigt gleich mehrere zeitrechnungen an. Den europäischen (gregorianischen?) und den islamischen kalender, darunter den, dessen namen ich nicht weiß (julianischen?) und den sie in russland haben (also der, bei dem oktober ist, wenn wir november haben und so) und den jüdischen (ja, den jüdischen kalender in einem arabischen haus!). die meisten hier käuflich zu erwerbenden wandkalender (die, bei denen man eine seite am tag abreißt) haben diese vier kalender drauf. Das mit dem jüdischen hat mich anfangs auch erstaunt, aber welcher soll es sonst sein bei dem wir im jahr 5000soundso sind? Eben der, der bei moses anfängt, oder?

Mit rafik auf der suche nach schuhen für ihn gestern noch im cham-city-center gelandet (einem grässlichen neuen einkaufszentrum mit dem charme, den einkaufszentren eben haben – aber ich wollte das hier auch mal sehen, denn es ist eben nicht alles nur romantischer souk mit feilschenden händlern!). davor hatten wir schon festgestellt, dass die hier angebotenen schuhe für die in syrien vorherrschenden dicken füße allesamt ungeeignet sind, denn sie sind viel zu filigran geschnitten (daher wohl auch die angewohnheit, halbschuhe unten runterzutreten und wie puschen zu tragen). So sollte es denn ein sportschuh sein, größe 43. Was eine unmöglichkeit darstellt, denn im ganzen einkaufszentrum lässt sich ein schuh dieser größe nicht auftreiben. Begründung: alle haben eben größe 43. Man könnte diese größe ja daher im angebot haben – aber weit gefehlt. Man hat sie eben daher nicht. So kann der neue kapitalismus hier aber nicht funkionieren! Nochetwas: die ausschilderung, welches geschäft wo auf den fünf etagen ist, gibt es immer nur auf der jeweiligen etage für die jeweilige etage. Sehr praktisch, wenn man reinkommt und eben so gar nicht weiß, ob nach unten oder nach oben, nach links oder nach rechts. Ja, da ist noch einiges zu verbessern. Ich sollte eine eingabe an den präsidenten verfassen.

Heute am mittag war bei goethe im rahmen eines kleinen empfanges die verabschiedung einer mitarbeiterin. Dazu kommt die creme de la creme der deutschen gemeinde in damaskus zusammen – also bin ich auch eingeladen in den großen saal des goethe-instituts. Zu schnittchen und non-alkoholischen kaltgetränken, die gereicht werden, gibt es einige mittelmäßige abschiedsreden. Danach wird ein kleiner dicklicher arabischer herr aufgefordert zu singen, was er auch sogleich tut. Ohne musikbegleitung und aus vollem herzen und schön und so mitreißend, dass der saal gleich in stimmung kommt und einige sogar beginnen zu tanzen. Danach wird das mikro weitergereicht und alte abschiedweisen werden zum besten gegeben, alles was das arabische liedgut zum thema abschied (viel!) hergibt, wird dargeboten. Eine dann doch lustige und so ganz andere art, als wir in deutschland uns von kollegen verabschieden würden, wo wir ja so gar nicht mehr singen. Wenn mich jemand fragen würde, ob ich ein kleines lied singen könnte, ich würde man gerade noch „alle meine entchen“ zustande bringen und es wäre mir arg peinlich! Aber hier wird immerzu und gern gesungen!

bleichcreme, rockerfilme, schokowaffeln und ausgeschlagene zähne

Gestern abend im hamam haben sich ganz viele jungs so braune nach schokolade duftende creme ins gesicht geschmiert. So eine art gesichtspackung. Sie soll (man hat sie mir auch angeboten) angeblich eine aufhellende wirkung haben (leider nicht auf den geist sondern auf die haut). Bei uns geht man an den strand oder aufs solarium um braun zu werden, hier schmiert man sich schokocreme ins gesicht um bleich zu werden. Ganz nach dem motto: „was ich haben will, das krieg ich nicht und was ich kriegen kann, gefällt mir nicht“. Ich habe allerdings dankend abgelehnt. Beim hamam-besuch ist mir aufgefallen, dass sich gesellschaftliche veränderungen immer auch in den körpern niederschlagen. Parallel zur zunehmenden gesellschaftlichen spaltung, diversifizieren sich die körper hier inzwischen deutlich. Während noch vor einigen jahren fast alle diese schlanken, sehnigen körper hatten, gibt es jetzt sowohl fettgewordene (bessere ernährungslage, weniger bewegung – das kennen wir ja in deutschland gut), als auch reichlich bodygebuildete. Letztere teils mit imposanten körpern. Entweder sind hier alle chemischen hilfsmittel leicht verfügbar, oder die genetische grundlage, auf der dies alles geschieht, ist der unseren (insbesondere der meinigen) deutlich überlegen. Vermutlich sogar beides.

Im kino läuft ein vollkommen abgefahrener film. Muss aus den späten siebzigern sein. Ägyptische produktion. Hippieszene mit rockerversatzstücken (motorräder) und vollkommen futuristischen kostümen in lackleder, gold, orange und türkis. Männer in knallgelben nikki-hosenanzügen und wilde rockmusik. Dazu leichtbekleidete hippie-frauen, die sich im matsch räkeln und permanent partyszenen mit wildem rumgeknutsche und reichlich drogenkonsum. Ich wundere mich, dass nicht schon lange die sittenpolizei einschreitet. Aber ich bin der festen überzeugung, dass ein solcher film heute in der arabischen welt nicht mehr gedreht werden könnte. Roll-back auch hier.

Deutlich schlimmer allerdings ist aktuell rafiks frau dran. Die ist beim putzen von der leiter gefallen und hat sich alle vier oberen schneidezähne ausgeschlagen! Die lippen mussten genäht werden und die verbleibenden stummel will der arzt ziehen. Sie muss sich nun von suppe durch eine strohhalm ernähren. Da sie wohl auch an den seiten nicht genug zähne hat, bleibt nichts, woran eine brücke aufgehängt werden könnte. So hat der arzt eine praktische vollprothese vorgeschlagen, was sie in einen nun schon stunden dauernden weinkrampf versetzt hat. Die alternative sind implantate, die hier aber zu teuer wären. Wenn ich solche nachrichten höre, empfinde ich tiefe dankbarkeit der deutschen krankenversicherung gegenüber! Gern auch würde ich mehr noch dafür zahlen, wenn bloß nicht zustände wie (hier) in der dritten welt bei uns einkehren mögen. Aber guido wird schon dafür sorgen, dass auch wir demnächst, ähnlich wie bewohner von entwicklungsländern, arme menschen an ihren zahnstummeln erkennen können.

Am abend begegne ich noch maya, duygu und einer weiteren sehr netten kopftuchtragenden türkin die ich neulich am bab touma im christlichen viertel kennen gelernt hatte. Alle drei kommen aus freiburg und schwäbeln leicht. Wir unterhalten und sehr nett und die drei – da sie auf der suche nach etwas süßem (sie meinen dabei keine männer sondern kalorienhaltiges) sind – gehen wir zusammen eine waffel essen. Am waffelstand herrscht hochkonjunktur. Der waffelmann macht mich trotz meiner drei (!) weiblichen begleiterinnen an, fragt, wie ich heiße, woher ich komme und zwinkert mir vielsagend zu. Schamlos! Die waffel ist ähnlich schamlos! Super lecker und mit fetter schokosauce, die wirklich (was bei schokolade hier sonst nie der fall ist) sehr schokoladig-lecker schmeckt! Dazu eine kugel eis und die kalorienbombe ist perfekt! Zum glück stehen die männer hier auf dicke.

Habe dann abends spät (ladenöffnungszeiten sind hier recht unberechenbar) eine wunderbare adidas-trainigsjacke aus atmungsaktivem polyester erstanden, die mir unheimlich gut steht. Es gab sie leider nur zusammen mit einer schrecklich hässlichen hose, die ich nun auch besitze und die ich – da ich weiß, dass ich sie niemals tragen werde – gar nicht erst anprobiert habe. So habe ich mir auch den abscheulichen anblick im spiegel erspart, den ich in dieser hose unweigerlich hätte abgeben müssen.

der elektrische mann, der computer, stromzähler und bestechungsgelder

Wir versuchen heute strom, wasser und telefon zu bezahlen. Das problem sind nicht die kosten (es kostst fast nix) sondern die organisatorischen herausforderungen, dieser aufgabe gerecht zu werden. Ich frage mich, wie fast sechs millionen damaszener das machen, wenn es so kompliziert ist. heute ist ein werktag, die büros sind auch geöffnet, aber bei der telekom funktioniert der computer (DER computer!) nicht. Da kann man nix machen, da kann eine rechnung nicht bezahlt werden. Vermutlich sitzen heute 15 angestellte, die sonst an DEM computer und um ihn herum arbeiten den ganzen lieben langen arbeitstag nägelkauend und süßen tee trinkend um ihn herum und vertrösten die kunden auf ein anderes mal.

Die wasserwerke und „der elektrische mann“ wie rafik sagt, sind weit weg zu bezahlen. Lange busfahrten werden nötig, um dann festzustellen, dass bei den wasserwerken inventur ist und obschon offen, natürlich keine kunden abgefertigt werden können – warum auch? Die letzten vierzehn tage ging es doch ohne arbeit auch ganz gut, wozu jetzt wieder kundenverkehr? Beim elektrischen mann funktioniert der computer zwar, aber unsere wohnung wird nicht als kunde geführt. Wir tauchen einfach nicht auf. Es gibt aber vorgängerrechnungen (sonst könnte man sich ja beruhigt zurücklehnen und denken: dann eben nicht – sparen wir die 1,50 euro im monat)! Aber da es wirklich rechnungen gibt, besteht dann natürlich die gefahr, dass – obwohl man uns im computer der rechnungsdame nicht findet, den strom abstellt. Rafik muss sehr darauf insistieren, bezahlen zu dürfen – ohne erfolg! Wir sind nicht gelistet.

Es müssen nun bescheinigungen der vormieter herbeigebracht werden, aus denen irgendwelche (vermutlich nach dem mondkalender berechneten) informationen hervorgehen, wie wir zu einer ordnungsgemäßen rechnung kommen. Rafik ist insgesamt den ganzen Vormittag unterwegs, ohne auch nur eine der drei rechnungen bezahlt zu haben. Die sache geht zwangsläufig in die zweite runde. Ja, so kompliziert kann man manch einfache sache machen. Was war noch mal ne einzugsermächtigung?

Rafik hat bei sich zu hause jetzt auch ärger mit dem elektrischen mann. Gestern kamen vier mitarbeiter, um den zähler abzulesen (dafür braucht man ja auch vier leute). Sie behaupteten, dass der zähler von rafik kaputt sei (angeblich ein alter trick, um einen neuen digitalen und von den ablesern leichter zu manipulierenden zähler einzubauen. Diese zähler seien gerade in großer menge – vermutlich aus dem iran – geliefert worden und müssten nun mit aller macht an den mann gebracht werden). Den zähler müssen hier aber die verbraucher bezahlen und der ist teuer (kostet einen halben monatslohn), so dass man nicht mal einfach: „ja, klasse, macht das doch“ sagt.

Daher hat rafik sich mit den vieren geeinigt, dass gegen ein schmiergeld von 1000 lira der alte zähler doch nicht kaputt ist. heute nun kamen drei weitere mitarbeiter, die meinten, es sei vermerkt worden, dass gestern niemand angetroffen worden sei, der zähler sei ja kaputt und müsse ausgewechselt werden. Der nachbar von rafik gab ihm den tipp, das doch machen zu lassen, denn sonst würden ständig leute kommen und das sei auf dauer teurer als der neue zähler. So wurde der alte ausgebaut, aber erstaunlicherweise kein neuer eingebaut, sondern der strom erstmal einfach abgestellt. Nach sechs stunden, als rafik dann nach mehreren telefonaten persönlich zum elektrischen mann ging, hieß es, es gäbe noch ein paar zu lösende fälle, dann sei aber auch er an der reihe. Insha’allah hat er inzwischen wieder strom. Aber das bestechungsgeld ist wohl dahin.

schwulenparty in damaskuss

Gestern abend war ich auf einer schwulenparty. Tarek hatte mich eingeladen. Wir wollten uns um neun uhr am internetcafe treffen. Als ich um die zeit so in der gegend rumlief, fiel mir schon auf, dass sich fast nur noch homosexuelle auf der straße befinden, es schien also der richtige treffpunkt zu sein. Das auto, mit dem wir fahren sollten, kam aber erst deutlich später. Dann wurden wir (also ich auch) in einen wagen verfrachtet (relativ stabiles gefährt, in das sieben leute passen – hinten fast im kofferraum noch zwei sitze) und nachdem ich mich an den geruch unterschiedlichster billigster parfums gewöhnt hatte, dachte ich nun geht es los. Aber weit gefehlt. Nachdem die funktionsweise der stereoanlage und die belastungsgrenze der lautsprecher getestet worden ist, mussten noch mehrere stationen angefahren werden. Erst mussten chips, dann zigaretten gekauft und getränke besorgt werden. Dann sollte noch der reifendruck gemessen werden (an sich ist gegen solche zuverlässigkeiten ja nix einzuwenden, aber in der letzten minute?). die werkstatt, in der das stattfinden sollte, lag natürlich nicht auf dem weg, sondern weit ab und zeichnete sich vor allem durch einen gutaussehenden mechaniker aus.

Dann ging es mit lauten getöse auf die autobahn richtung flughafen (die stereoanlage war schon laut, aber das getrillere, gesinge und geklatsche noch mehr. Eine loveparade in berlin hätte auch nicht mehr lärm machen können, als diese sieben schwulen – pardon sechs, denn ich habe mich in vornehm hanseatischer art zurückgehalten). Schon auf dem weg wurden die straßenkleider abgelegt und es wurden party-klamotten angezogen. Darunter noch hautengere tops als diejenigen, die auf der straße gerade modern waren oder hot pants, die man so knapp zuletzt in pornos aus den siebzigern gesehen hatte. Auf der autobahn wurde sich dann aus dem offenen dach geschwungen und gejohlt. Die hot pants für alle vorbeifahrenden gut sichtbar. Ich muss mein erstaunen darüber nicht noch extra zum ausdruck bringen. Ich glaube, dass dieser anblick selbst auf einer bundesdeutschen autobahn für verwirrung gesorgt hätte. Um wie vielmehr verstörend muss es hier (in einer konservativen gesellschaft mit tief verwurzelten religiösen sitten) sein, wenn der bauer im kleintransporter auf dem heimweg ein solches gefährt jolender homos die ihre popos in hot-pants aus dem fahrzeug halten, neben sich sieht. Aber die syrische gesellschaft scheint doch um vieles toleranter als gemeinhin angenommen wird. Nach rasanter fahrt dort angekommen (erstaunlicherweise wusste jemand den weg – es hätte mich nicht gewundert, wenn bei all der unkoordiniertheit niemand gewusst hätte, wohin wir eigentlich fahren), landeten wir auf einer art farm in einem dorf.

Ein umfriedeter hof mit swimmingpool und terrasse, ein haus, dessen entree als ruheraum gestaltet war, notdürftige sanitäre einrichtungen – ich glaube eine art privates haus, aber sehr schick. Die bar war im kinderplanschbecken aufgebaut. Der barkeeper stand bis zu den knien im wasser, in dem auch die getränke gekühlt wurden, wenn man bei ca. 25 grad wassertemperatur von gekühlt sprechen kann. Er lies sich nicht aus der ruhe bringen. Dafür dass ca. 200 leute anwesend waren, war ein einziger langsamer barkeeper recht wenig. Demensprechend dich das gedränge an der „bar“. Für die 700 lira entritt (gut 10 euro) gab es zwei drinks – wo man nicht meckern kann. Noch dazu wurden dafür auch hochprozentige getränke ausgeschenkt, wovon die meisten gebrauch machten. Der wisky wurde in 0,3-liter plastikbechern, die zur hälfte (!) gefüllt wurden, ausgeschenkt. Ich glaube das ist in etwa die fünffache menge whisky, die man bei uns so ausgeschenkt bekommt. Da der araber alkohol aber nicht verträgt, waren alle recht schnell betrunken. Wenn man überlegt, dass wir bis ca. 24 uhr noch im auto durch die stadt gegondelt sind, gegen 2 uhr nachts die ersten aber schon betrunken in den pool gefallen sind, war es für einige ein recht kurzes vergnügen.

Die musik war so laut, dass man sie glaube ich bis hamburg hätte hören müssen und das strobosop-licht, von dem durchgehend gebrauch gemacht wurde, machte alle drogen überflüssig. Ich war auch ohne alkohol schon wie benebelt. Wenn man dann aber noch alkohol in solchen mengen getrunken hätte – die folgen wären gar nicht auszudenken! Die stimmung war ausgelassen, man tanzte, trillerte, johlte und schwenkte die arme, dass es eine wahre freude war das anzusehen. Selbst ich habe etwas getanzt (!!!). bedauernswert waren die frisuren! Da glatte haare in der arabischen welt als schick gelten, hatten sich einige die haare geglättet. Das sah in etwa so unmöglich aus, als wenn man einem pudel lange blonde haare frisiert. Bei einigen habe ich mich an den wunderbaren ausspruch im film „polyester“ von divine erinnert. (in diesem film lässt divine ihre fette freundin hinter ihrem mann herspionieren, da sie diesen verdächtigt, eine freundin zu haben. Die fette freundin ruft dann an und sagt: ich habe deinen mann gefunden. Erst dachte ich ja, er führt den hund spazieren, aber dann habe ich gesehen – es ist seine freundin!) bei einigen haaren musste auch ich denken: erst dachte ich, da führt jemand den hund spazieren, aber dann habe ich gesehen, es ist seine freundin. So abgrundschlimme ergebnisse des haare-glättens!

ein typ mit schwarzem kaputzenpulli war da, der in deutschland auch in die alternative szene gepasst hätte. Ich habe mich etwas mit ihm unterhalten. Er ist pferdewirt, 27 jahre alt und wir treffen uns morgen. Gegen vier uhr wollte ich nach hause (eigentlich schon gegen drei, aber da war niemand dazu zu bewegen, nach damaskus zu fahren). Gegen halb fünf bin ich dann mit freunden des pferdewirtes (ich glaube dass sein beruf auf deutsch so heißt, er kümmert sich um pferde die syrien nach dubai, beirut oder istanbul verkauft. Er hat mir auf seinem handy eine reihe bilder von pferden und entzückende videosequenzen gezeigt, auf denen er reitend zu sehen ist) richtung damaskus zurückgefahren. Der wagen wurde glaube ich nur noch durch das sound-system zusammengehalten (getreu dem motto „the only good system ist the sound-system“) und war ein durch zahlreiche um- und aufbauten (spoiler an allen seiten!) nicht mehr zu identifizierendes fabrikat fortgeschrittenen alters. Das sound-system aber war so gewaltig, dass mir noch die halbe nacht die ohren gebrummt haben. Dafür war der auspuff kaputt und die abgase wurden in den fahrgastinnenraum gelenkt (man muss prioritäten setzen), was bei mir nach einer viertelstunde schlimme schwindelanfälle verursachte, trotzdem es sich um ein cabriolet mit kaputtem verdeck und weit geöffneten fenstern handelte. Netterweise haben mich die jungs bis nach hause gefahren und ich bin heil angekommen und gleich ins bett gefallen.a

anständige jungs, kultur, pinkelverbote und deutsche expertise

Der alltag in damaskus gestaltet sich überraschend angenehm. Bei meinem kleinen laden um die ecke werde ich nun schon mit handschlag begrüßt und man gewährt mir kredit. Nicht weil mir das geld schon ausgegangen wäre, sondern weil man manchmal einfach kein wechselgeld hat und mir dann bedeutet, morgen oder eben wann anders zu zahlen. Außerdem arbeitet dort ein kleiner junge, der mir die tüten mit tragen hilft (dabei ist er selbst kaum größer als die tüten die er trägt). Wegen des wassers ist manchmal viel zu tragen. Als ich ihm heute trinkgeld anbiete, lehnt er entschieden ab. So anständige kleine jungs gibt es außerhalb syriens gar nicht mehr, glaube ich. Überhaupt schreitet die verderbnis, die ich wegen der globalisierung schon seit langem befürchte, beruhigend langsam voran. Nicht mehr bettler (also fast keine), weiterhin keine diebstähle, weiterhin freundlichkeit allerorten, ehrliche kaufleute und straßenhändler ohne betrügerische ambitionen, daneben hilfsbereitschaft und ein bezauberndes lächeln. Alles, was in beirut schon vor jahren verschwunden ist, von dem ich nicht weiß, ob es in ägypten je existierte – hier gibt’s das noch.

Am abend etwas rausgegangen und bei einem open-air „festival“ im scha’alan-park dabeigewesen. Erst gab es so was wie sanat-müzik, dann einen geschichtenerzähler und dann schattenspiele. Es ist erstaunlich, wie sehr die leute dabei mitgehen, jung und alt, aus allen schichten. Spätestens bei den schattenspielen (so eine art puppentheaterstück) wäre bei uns doch schluss mit lustig. Nicht nur, dass das volk ruhig umbaupausen von 15 minuten über sich ergehen lässt, auch sind sie wirklich ein dankbares publikum. Das kann natürlich auch dem umstand geschuldet sein, dass der veranstaltungskalender der stadt gerade mal eine halbe seite umfasst – im monat! Dazwischen hühnerte so eine moderatorin des syrischen fernsehens rum, die super aufgedonnert mal hier mal dort interviews führte. die meiste zeit war sie aber damit beschäftigt, über ihre viel zu lange abendgarderobe zu stolpern.

Deutsche Expertise ist hier (im moment, oder nur weil ich es beginne zu verstehen?) der letzte schrei. German expertise, technologie alleman oder „aus deutschland“ – alle werben damit. Der kräutertee wird mit eben dieser expertise hergestellt, keine waschmittelwerbung kommt ohne die betonung der deutschen technologie aus, die in das produkt eingeflossen sein soll und made in germany ist allein schon für sich ein werbeargument. Audi wirbt auf deutsch (!) mit dem wort „fortschritt“ – ohne übersetzung und die neuen waschmaschinen (marke: no-name) sind selbstredend mit deutscher hochtechnologie zustande gekommen. Schon vor jahren sind mir ja sinalco – „die beste limonade aus deutschland“ (allerdings mit übersetzung) und eine „starmix of germany“ genannte ventilatorenfirma aufgefallen. Aber jetzt habe ich das gefühl, dass es mehr und mehr wird. Da viele merken, dass ich nicht von hier komme (meist denken sie frankreich oder usa, neulich auch italien – immerhin noch nie china), ist die freude oft um so größer, wenn man hört, ich sei aus deutschland. Wenn dann klinsmann, bmw, mercedes und bayern-münchen genannt werden ist ja noch alles in ordnung, zum glück bin ich noch nicht mit einem freudigen „heil hitler“ begrüßt worden, wie thomas und ich im libanon in den 90er jahren.

In damaskus herrscht jetzt öffentliches pinkel-verbot! Es sind plakate aufgestellt, auf denen (gut gestylt) darauf hingewiesen wird, dass auf wildpinkeln drei monate gefängnis (!) und (!!!) eine geldstrafe stehen. Bei solchen strafen fragt man sich: warum nicht gleich die todesstrafe? Ich meine wildpinkeln ist doch wirklich ein verbrechen, und wer auf St. Pauli lebt und weiß, wie es riecht, wenn es mal einige tage nicht regnet (was ja zum glück nicht so häufig vorkommt), der würde doch auch gern härtere strafen herbeisehnen. Rafik meint aber es sei halb so schlimm, denn man müsse schließlich erstmal von einem polizisten dabei erwischt werden. Erstaunlicherweise sind die meisten dieser plakate an den überteuerten seit neuestem privatwirtschaftlich organisierten öffentlichen toilettenbuden angeklebt. Dort kostet das pinkeln mehr als eine busfahrt durch die ganze stadt. Und einmal pinkeln kostet genauso viel, wie ein halber liter mineralwasser im restaurant! Ich werde auch weiterhin lieber drei monate gefängnis in kauf nehmen, als diese preise zu zahlen!

demographischer wandel, kindererziehung, männermoden und homosexuelle

Rafik ist noch mal opa geworden. die frau seines sohnes hat letzte nacht per kaiserschnitt einen sohn geboren. Die freude ist groß und die wohnung wird enger. Jetzt also zu dritt in einem zimmer. Aber so kann der demographische wandel aufgehalten werden! Allerdings ist hier ja eher das gegenteil ein problem. Mit den vielen kindern pro frau liegt das durchschnittsalter der bevölkerung bei 18 jahren (in der brd 42!). und wo sollen all die jobs für die vielen jungen leute herkommen? Das angenehme an kindern hier ist, dass sie alle verdammt artig und so ruhig sind. Wenn sie schreien oder im trotz nicht wollen, sich auf den boden werfen oder sowas, werden sie von mama oder papa einfach wortlos genommen und getragen (ob sie strampeln oder nicht – die eltern lassen sich überhaupt nicht aus der ruhe bringen und es wird nur sehr sehr selten geschimpft). Ich glaube, dass die entschiedenheit und die ruhe, die die eltern ausstrahlen den kindern unbewusst signalisiert, dass sie mit ihrem theater keine chance haben. Meist hören sie innerhalb weniger augenblicke auf mit dem geschrei. Rafik muss nun die operation und den krankenhausaufenthalt zahlen (!) allein die op hat 16000, also ca 250 euro gekostet (dafür würde in deutschland wohl kein arzt auch nur den kittel anziehen), was hier aber das eineinhalbfache eines monatslohns ist. die junge mutter muss nun also schnell gesunden und raus aus dem krankenhaus, weil das zu teuer ist. so könnte man krankenhausüberbelegungen in deutschland doch auch lösen. Vielleicht sollte gesundheitsministerin von der leyen mal eine kleine anregungsreise nach syrien unternehmen. Das kleine wird übrigens rafiks namen tragen.

In einem älteren spiegel der mir hier in die hände gefallen ist – an aktuelle presseerzeugnisse ist gar nicht zu denken - ist ein artikel über homosexuellenverfolgung in der arabischen welt. Über syrien wird nicht berichtet. Ägypten wird wegen seiner beliebten schauprozesse genannt. Der iran wegen seiner darauf stehenden todesstrafe. Allein der libanon wird als positives beispiel hervorgehoben, denn dort gibt es ja inzwischen eine offene und westlich orientierte schwulenszene. Über den irak wird berichtet, dass fundamentalistische schwadronen dort auf homos, oder diejenigen, die sie für homos halten, jagd machen und es seien schon über 100 tote zu beklagen. Allein schon wer enge hose und enges t-shirt trägt und eventuell lange haare hat (angeblich zeichen der unmännlichkeit) laufe gefahr umgebracht zu werden.

Diesbezüglich ist die momentane damaszener herrenmode ja ein fauschschlag in die hässliche fratze des fundamentalismus. Man mag zu engen klamotten und insbesondere zu den hier inzwischen weit verbreiteten langen haaren bei männern stehen, wie man will, aber in dieser hinsicht gefallen sie mir inzwischen geradezu. Sie sind auf jeden fall ein deutliches zeichen, dass zumindest in sachen mode die fundamentalisten hier noch nicht das sagen haben. In scha’alan tummelt sich inzwischen eine so offene homoszene, die – obwohl es ja eigentlich verboten ist – ein bisschen an die szene in der ddr nach dem mauerfall erinnert. Es ist neu, es ist aufregend, man testet die grenzen aus. Rafik erzählt, dass vor einigen monaten, als sich eine sehr große gruppe von (wohl auch geschminkten und teils als tunten zurechtgemachten) schwulen auf der straße vor benetton traf, dann doch mal die polizei vorgefahren ist und sie vertrieben hat. Ansonsten lässt sich die geheimpolizei kaum noch blicken. Diese unauffälligen herren mit der pistole im hosenbund, die früher überal waren, sind ganz verschwunden. Auch die weißen wagen mit drei oder vier herren mittleren alters drin gibt es nur noch sehr selten. Im spiegelartikel hätte syrien in dieser hinsicht zumindest mal erwähnt werden können – aber was will man erwarten.

wie ich zu einer aufenthaltsberechtigung kam

Das unglaublichste des heutigen tages zuerst: ich habe eine zweimonatige aufenthaltsberechtigung für die arabische republik syrien erhalten (die ich dann verlängern muss). Und das kam so: da man nach 14 tagen im land seinen aufenthalt verlängern lassen muss, bin ich mit rafik zur ausländerbehörde gegangen. Im zweiten stock war ein furchtbares gedrängel, ich hatte das gefühl das mindestens ein viertel der über eine million iraker in damaskus sich verabredet hatten, heute ebenfalls dorthinzugehen. Rafik ist, obwohl so klein, ein spezialist im vordrängeln und nach einigen minuten hatten wir für 100 lira ein entsprechendes formular erstanden, mit dem man das erwünschte beantragen kann.

Mit diesem formular muss man dann in einen laden in der nähe gehen, in dem erstmal ein weiteres formular, dann das erstandene ausgefüllt werden. Diese beiden werden je drei mal kopiert, mit zwei weiteren vordrucken, zwei passkopien, der kopie des mietvertrages und der kopie von rafik ausweis (denn er ist der mieter) und vier passfotos (die auf elegante weise aus meinem reisepass gescannt wurden) zu einem bündel geheftet. Das ganze bekommt dann noch drei gebührenmarken und einen stempel mit unterschrift und kostet nur zweihundert lira. Mit diesem paket muss man wieder in den zweiten stock, wo bemängelt wurde, dass die erklärung rafiks, dass er mich in seiner wohnung wohnen lasse, fehle. Nachdem rafik diese schriftlich abgegeben hatte, wurde sie von einem anderen beamten gelesen, gestempelt, unterschrieben und rafiks fingerabdruck genommen. Dann konnten wir zum ersten schalter zurück, der das alles für gut befand und uns zu den weiteren stationen schickte, als da wären: der oberste general der abteilung und sein stellvertreter, der sicherheitsdienst und der computer (!!!).

im zimmer des obersten generals hingen sieben (!) bilder des präsidenten und drei seines vaters, es standen sechs telefone auf dem tisch, hinter dem zwei beamte (sicher leitende beamte) saßen, die beide nacheinander das zettelpaket geprüft, unterschrieben und jeder mit drei stempeln gestempelt haben (sobald sie zwischen eifrig geführten handy-telefonaten zeit dazu gefunden haben). Dann konnten wir zur sicherheit, wo der pass im nirvana verschwand. In diesem zimmer hingen bezeichnenderweise nur noch bilder des vaters des präsidenten, aber auch gleich mehrere. Der zugang zu diesem zimmer, in das alle müssen (das also publikumsverkehr hat) ist erstaunlicherweise durch einen aktenschrank verstellt, an dem man sich vorbeiquetschen muss. Dort gab es den pass schnell zurück, nachdem wir nach langer wartezeit beschlossen hatten, 200 weitere lira bestechungsgelder zu investieren. Nun mussten wir zum ersten schalter zurück, um uns die richtigkeit aller bisherigen schritte bestätigen zu lassen und unseren nächsten in angriff zu nehmen: den computer. Nicht, dass nicht überall computer herumstanden, aber die anderen waren eben alle nicht angeschlossen. Es gab nur einen, der an der stromversorgung war. Und in diesen tippte ein herr in seelenruhe alle pässe nacheinander ein (verzögert wurde das alles, da ausgerechnet nun die neuen türkisfarbenen schulterklappen für die uniformen aus einem alten karton heraus verteilt wurden, um die sich die beamten wie kinder balgten, obwohl man ja davon ausgehen kann, dass für jeden eine dabei war. Denn die alten blauen schulterklappen haben wohl ausgedient – auch andernorts findet eine uniformreform statt, dazu später mehr). Nach langer zeit war auch mein pass dran. Er stempelte alles ebenfalls drei mal (!), unterschrieb, schrieb etwas in meinen pass und gab uns das ganze zurück.

Nun waren inzwischen so viele stempel, gebührenmarken, unterschriften und fingerabdrücke auf dem ding, ich hätte es gerne behalten, aber das ist ja ein ding der unmöglichkeit. Wir also zurück zum ersten schalter, der unser bündel und meinen pass in empfang nahm, es alles nochmals unterschrieb, stempelte (auch drei mal) und sagte, wir sollten doch in eineinhalb stunden den pass wieder abholen. Nach eineinhalb stunden kramte er den pass dort hervor, wo er ihn zuvor hingelegt hatte, heftete eine karte in den pass, drückte einen stempel hinein und unterschrieb das alte formular nochmals. Dann schickte er uns wieder ins zimmer des generals, wo das gleiche schauspiel wie zuvor begann. Nachdem wir auch dort die nötigen unterschriften eingeholt hatten, konnten wir – zurück an den ersten schalter und nach (tatsächlich!) einem weiteren stempel und einer weiteren unterschrift, meinen pass mitnehmen, in dem ein zweimonatiger aufenthalt vermerkt ist. ich muss also ende februar doch mal kurz in den libanon oder nach jordanien (dann habe ich nach der einreise eh aufenthalt bis ende märz) oder anfang märz nochmals dorthin. Es war vielleicht etwas umständlich und ein bischen chaotisch, aber alles in allem sicher netter, als als ausländer auf einer deutschen ausländerbehörde.

Im mikrobus zur ausländerbehörde heute saß ein verrückter mullah. Nicht nur, dass er die ganze zeit das glaubenbekenntnis vor sich hin gebrabbelt hat (das kann in einem anfall religiösen wahns ja mal passieren), er hat aus dem mikrobus heraus jungs beschimpft, die öffentlich gegessen haben. Vermutlich hat er ihnen das höllenfeuer in aussicht gestellt. Und er hat in einem fort vor sich hin lamentiert und die leute belabert, die nur die augen verdreht haben. Religion gilt in Syrien ja als Privatsache. Erst später habe ich gesehen, dass er einen benzinkannister zwischen seinen füßen hatte. Vielleicht war er ja auf dem weg zu einem kleinen anschlag gegen ungläubige oder zu einer selbstverbrennung als fanal gegen den unglauben in der welt. Ja, solche leute tun ihrer sache keinen gefallen.

satelitenschüsseln, wirelesslan-cafes und früher war alles besser

Es ist Freitag, und seit ca. einer stunde klingen gesänge von allen (schätzungsweise zwanzig) mich umgebenden moscheen. Sonst wird heute nicht viel passieren. Freitags ist hier wirklich alles dicht. Fast so wie in deutschland in den 80er jahren vor der liberalisierung der ladenschlusszeiten. rafik erzählt beim frühstück wilde geschichten aus seinem leben. Aus den siebzigern im süd-libanon und aus den sechzigern, als er kind war aus damaskus. Wir haben genug zeit, denn wir müssen warten. Auf den satelitenmann. Das ist der, von dem wir hoffe, dass er sich damit auskennt, unser problem mit dem tv-empfang per satelit zu lösen. Bisher ist es nämlich so: im salon steht ein fernseher. Dieser wird über das sateliten-empfangs-gerät im schlafzimmer gesteuert. Die signale werden durch zahlreiche kabel, vermutlich auf umwegen irgendwie in den salon geleitet. Der fernseher im schlafzimmer funktioniert selbstredend nicht. Wenn man nun ein anderes der 478 programme sehen möchte, muss man mit der fernbedienung durch die ganze wohnung ins schlafzimmer, um das dort zu verstellen. Da man sich die belegung der 478 kanäle aber schlecht merken kann, ist das ein so freudloses unterfangen, dass ich bisher nie ferngesehen habe.

Wir wollen – oho! – dass das sateliten-empfangs-gerät auf dem fernseher steht, wie man es millionenfach schon gesehen hat. Das ist die anspruchsvolle aufgabe. Sie ist – nach 4 stunden ist der satelitenmann da – nur zu lösen, indem man 36 (in worten sechsunddreißig) meter kabel neu verlegt. Unsere wohung ist unterm dach, direkt darüber stehen die satelitenschüsseln, aber er verlegt 36 meter kabel (das meiste davon bei uns im salon), in großen schlangenlinien. Das kabel (es ist neuer, viel dicker und wahnsinnig stabil, heißt auch, lässt sich schlecht verlegen) wellt sich jetzt also den salon entlang, kommt durch ein loch, das mal eben in den fensterrahmen gebohrt wird, und füllt den salon gut aus. Immerhin kann man jetzt fernsehen. Und ich habe auch schon herausgefunden, wie ich die wichtigsten programme so lege, dass ich nicht zwischendrin die 164 religiösen jaulsender ansehen muss, um von bbc zu aljazeera zu kommen.

Das wirelesslan-cafe, in dem ich versuche ins internet zu kommen, ist schlimm. Alle 2 minuten schwänzelt jemand um einen herum und fragt, ob man noch was wolle. Man will nur seine ruhe, hat noch zu trinken und dennoch immer wieder. Wir haben auch bier. Ja herrgott! Wenn ich eins wollte, würde ich es doch sagen, oder? Fast wie bei loriot – und teuer! Man kann also auch hier für einen o-saft 3 euro bezahlen. Ich werde mir wohl doch einen internetanschluss legen lassen. Denn im internetcafe ist es nun verboten die eigenen laptops anzuschließen, es gibt überhaupt bei mir in der nähe keine internetcafes und das in scha’alan ist immer überfüllt. Dabei sind die adsl-anschlüsse wohl inzwischen für ca 15 euro zu haben und es soll angeblich nur 2 oder 3 tage dauern. Das wäre doch rekord, oder? Dann besorge ich mir auch einen, dann hat die leidige rennerei ins internetcafe ein ende.

Habe danach versucht, mich zur gebuchten arabisch-sprachschule durchzuschlagen, es aber nicht geschafft, denn ich habe sie schlicht nicht gefunden. Ich habe die us-botschaft gefunden und die moschee, die angeblich daneben sein soll, aber kein moen-institut. Hoffe, dass ich nicht einem betrüger aufgesessen bin. Die us-botschaft ist von einem 20 meter hohen zaun mit stacheldraht umgeben. Direkt gegenüber die irakische botschaft, dahinter der sitz der „saudi-bin laden-group“! ja, alles beieinander. Das ganze viertel ist aber langweilig. Keine menschen auf der straße, außer diesem sicherheitspersonal mit reichlich maschinengewehren und der polizei.

Rafik erzählte auf unserem abendlichen spaziergang, dass früher – wie sollte es anders sein – natürlich alles besser war. Wer nach 22 uhr noch auf der straße gewesen sei, habe sex mit männern gesucht. Frauen waren selbstredend nicht auf den straßen. Heute seien ja alle so modern, da seien sie eben lange draußen und überhaupt. Ich finde es immer noch erstaunlich, wie offen hier auf den straßen am abend gecruist wird, glaube aber gerne, dass es früher „besser“ war, diese erfahrung machen wir ja in deutschland auch. Hatte einen heißen flirt mit einem kleinlastwagen-fahrer im souk. Leider keine telefonnummern ausgetauscht, aber manchmal ist es ja auch die situation und die flüchtigkeit derselben, die den reiz ausmacht. Alles festzuzurren ist dann ja auch anstrengend.

der erste tag in damaskus

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebt und arbeitet ein halbes jahr lang in damaskus um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.

Im flug nach istanbul sitze ich neben einem 16-jährigen jungen aus pinneberg, dessen mutter türkin und dessen vater deutscher ist. Ein sehr netter und ausgesprochen kommunikativer junge, mit dem ich mich während des ganzen fluges gut unterhalte. Über schule (er geht aufs gymnasium), musik, die türkei, das was er und was ich so mache. Schlimm: ich werde gesiezt. Damit muss ich mich wohl langsam abfinden. Sein vater ist pilot und er hat – im gegensatz zu mir – gar keine flugangst.

Der flug nach damaskus geht mit über einer stunde verspätung (was selbstredend nicht angekündigt wird, weil man dann die zeit angenehmer verbringen könnte, als im flugzeug rumzusitzen). Neben mir das kontrastprogramm zum ersten flug: eine kopftuchtragende mittelschichtsangehörige mit vier (!) handys in der handtasche, an denen sie noch beim startvorgang herumdattelt (es sieht so aus, als schriebe sie – wem auch immer – eine sms, dass sie jetzt startet...). ich weiß nicht, warum auslandssyrer – im gegensatz zu im lande gebliebenen oft so unsympatisch scheinen. Der flug schraubt sich wie immer in atemberaubenden drehungen runter und ich bin froh, heil gelandet zu sein.

Der flughafen in damaskus wurde renoviert. Es wurden viele unterschiedliche knallige farben vermalt und die einen schalter von links nach rechts, die anderen von rechts nach links gebaut. Alles sieht moderner aus, aber schneller geht es nicht. Eine geschlagene stunde später kann ich meinen alten freund rafik begrüßen, wir fahren mit mahmut, einem taxifahrer, der aber heute kein taxi, sondern das auto eines freundes geliehen hat, in die wohnung. Die autobahn zum flughafen – sowieso nie wirklich voll – wird gerade vierspurig ausgebaut. In jede richtung! Für die drei taxis etwas übertrieben aber vermutlich bestandteil des syrischen investitionspakets zur wirtschaftskrise. Und wenn man sonst keine probleme zu lösen hat... Der muhezzin ruft zum morgengebet – um 4 uhr! Dabei wird es wirklich noch gar nicht richtig hell. Nicht mal dämmerung – die kommt erst gegen halb sechs.

Die von Rafik neu angemietete wohnung ist wunderbar. Wenn man all die plastikblumengirlanden und -sträuße in einen schrank geräumt, das ein oder andere möbel verrückt oder hinzugekauft hat, ist sie eine der schönsten wohnungen die ich hier je hatte. Sie ist absolut ruhig (in dieser stadt schon ein wunder!), hat zu drei seiten fenster, ist lichtdurchflutet, aber da am berg gelegen, immer auch windig und nicht zu heiß (abends und nachts angenehme dreißig grad). Man guckt richtung berg, bebaut bis unter die kante, aber eben ein buntes lichtermeer.

Der strom wird in den unterschiedlichen stadtvierteln immer zu bestimmten zeiten unterbrochen, wenn er nicht außerplanmäßig auch mal ausfällt. Bei uns immer zwischen 16 und 18 uhr. Wir haben zwar hier immer wasser (weil die wohnung in der nähe des berges liegt, von dem angeblich das wasser kommt und die leitung hier noch voll ist – am anderen ende der stadt gibt es wasser nur nachts zwischen 12 und morgends 5 uhr), aber eben nicht immer strom. Wie wichtig der ist, merkt man immer erst wenn man ihn nicht hat. Die boxen für die musik aus dem computer brauchen ihn, die elektrische zündung des gasherdes braucht ihn und kühlschrank, ventilator und das aus deutschland mitgebrachte telefon mit anrufbeantworter braucht auch strom. Daher steht neben dem neuen telefon jetzt auch noch das alte, das mit dem strom aus der telefonleitung auskommt und also auch zwischen 4 und 6 funktioniert – muss ich halt umstöpseln wenn ich mal anrufen muss.

Das mit der stromversorgung ist übrigens schlimmer geworden. Das liegt an den zahlreichen klimaanlagen, die es früher so wohl nicht gab. Und so kommt mit der modernität ein weiteres element der beirutisierung in damaskus an: die generatoren. Was haben wir noch vor jahren gelacht, dass die libanesen zwar in jeder hand ein handy hatten aber es nicht schafften, eine zentrale stromversorgung sicherzustellen und alle ihre eigenen knatternden generatoren vor der tür hatten. Nun also auch hier! Im geschäftsviertel neben dem souk hamidiyye knatterten heute die ganze zeit die generatoren. Wenn man nicht acht gibt, wohin man tritt, rutscht man auf pfützen von diesel aus. Und der gestank! Bienvenue in der postmoderne!