Dienstag, 18. Mai 2010

deutsche industrienorm, ziellose reinigungsversuche und gute kunst

Schon gestern abend kommen die ersten anrufe auf meine anzeige – ein indiz dafür, dass die nummer nun richtig ist. aber: man verlangt den englisch-lehrer! Anscheinend wurde der text-fehler nicht ausgeräumt und da der anzeigentext auf englisch ist, liegt es nahe, nach einem englisch-lehrer zu verlangen. Nun, ich brauche die anzeige ja nun eh nicht mehr wirklich, da ich inzwischen auf anderem wege schüler gefunden habe, die ich demnächst in deutscher sprache unterrichte. Und auch meine bemühungen, die arabische sprache zu erlernen haben heute einen wichtigen schritt nach vorne unternommen. Ich habe mich mit meinem tandelpartner shakir getroffen und nach einigen sprachlichen übungen sind wir nach halbuni, wo die universitätsbuchhandlungen sind, und haben mir vokabelkärtchen zuschneiden lassen. Ich hatte nämlich versucht, hier welche in dinA8 zu bekommen: aussichtslos (die deutsche indutrie-norm geht der syrischen industrie ganz offenbar überhaupt ab). Die größeren selbst zu zerschneiden schien mir erst eine alternative, aber die sind mit so dicken schwarzen linien bedruckt (dann auch noch in der falschen richtung), dass ich die arabischen vokabeln, wenn ich sie dann kunstvoll gemalt hatte, darauf kaum erkennen konnte (wer und wozu braucht man solche karten?). die neuen nun sind aus guter pappe, linienfrei und wunderbar! Sie sind sogar gerade geschnitten!

Treffe mich mit ian im park, um viel zu süßen nescafe zu trinken. Er ist wirklich eine bereichernde neue bekanntschaft. Tickt ähnlich und hat interessante dinge zu berichten. Zudem hat er die gleichen probleme beim arabischlernen – das hört man ja auch gerne! Seinem rat folgend aktiviere ich gleich ein weiteres tandempartnergesuch, denn er meint, man brauche mindestens drei verschiedene. Mit einem, said verabrede ich mich recht unkompliziert gleich für morgen Mittag bei goethe im cafe. Er scheint kurde (zumindest seinem wohnort nach) und ähnlich flexibel zu sein, wie mein erster tandempartner, allerdings noch besser deutsch zu sprechen. Die wohnviertel sind hier ja oftmals noch recht aufschlussreich, in bezug darauf, woher jemand kommt. Wenn jemand aus jarmuk kommt, ist er mit 95%-iger wahrscheinlichkeit palästinenser, kommt er aus rokneddin, dann kurde. In midan wohnen fast nur alteingesessene familien aus damaskus, in muhashreen oder mezze jabal auch ein paar europäische ausländer, die man z.b. in bab el jabi oder bab es srischi nie finden würde. Christen wohnen in bab touma oder kassaa, schiiten in der ameen-straße und umgegend. Iraker wiederum findet man in jeremania oder sednaja und so weiter.

beim sport muss ich ebenso hoffnungs- wie ziellose reinigungsversuche miterleben. Es wird wasser überallhin verspritzt, ohne dass weitere anstrengungen unternommen würden, dem schmutz auf mechanischem wege beizukommen. Durch die nun überall herrschende feuchtigkeit löst sich – zum beispiel von den dort getragenen straßenschuhen – der schmutz, der bis dato noch gebunden war und innerhalb kürzester zeit ist alles mit einem braunen schmier überzogen. Nur das kleine stück steinfußboden im eingangsbereich wird mit (einer halben dose) scheuerpulver überstreut. Selbiges scheuerpulver, das seinem namen keine ehre macht, denn es scheuert ja nicht selbt (was es hier aber müsste, denn niemand erbarmt sich, mit ihm zu scheuern), wird alsdann mit viel wasser hinweggeschwemmt. Da es aber das charakteristikum eines eingangsbereiches ist, dass immer neue leute kommen, sieht auch der noch feuchte boden kurz darauf schlimmer aus, als zuvor. Ich war bisher davon ausgegangen, dass sich der schmutzigkeistzustand des studios durch jahrelange abwesenheit einer reinigungskraft gleichsam von selbst ergeben hatte. Jetzt weiß ich, er ist durch menschliches tun verursacht.

Das internet – wenn es denn funktioniert – ist ja eine schöne erfindung. Aber eben nur, wenn es läuft. Heute lief nix. Im pages wurde ein film gedreht, weswegen dort publikumsverkehr nicht gestattet schien. Im knusper stapelten sich die laptops in so großer dichte, dass ich schon um die startseite zu öffnen über 10 minuten brauchte. Dagegen waren die übertragungsraten mit einem analogen modem in deutschland ganz zu beginn der internet-epoche noch atemberaubend. Und das problem: mein macbook möchte ein sicherheitsupdate von 200 mb machen. Dazu muss es aber erstmal 200 mb herunterladen. Die avisierte ladezeit wird immer mit 1 tag und 15 stunden angegeben. Eine dauer, die ich unmöglich gewillt bin, in einem internetcafe auszuharren, zumal ja auch die irgendwann schließen. So muss ich denn weiterhin ohne sicherheit dahinleben. Wie machen das andere leute in der dritten welt?

Am abend ali bei mir. Es geht ihm nicht gut, wegen irgendwelcher familiensachen oder so (verpennte hochzeit, mysteriöse anrufe, was auch immer). mein arabisch ist, um problemgespräche zu führen, doch dann noch zu rudimentär. Ich arbeite dran. Es wird aber dennoch ein sehr langer und doch recht lustiger abend. Sehen zusammen noch „the rasberry reich“ von bruce la bruce, den ali nicht versteht, der ihm aber irgendwie gefällt. Ja, daran erkennt man gute kunst!

kirchenglocken, singende pioniere und kampagnen zur volksgesundheit

Sitze mit rafik am Vormittag im park (nachdem er beim „elektrischen mann“ in erfahrung gebracht hat, dass wir wasser und strom ab mitte des monats zu bezahlen hätten). Neben uns ein junger offenbar etwas verwirrter mann, der komische fragen stellt. Nicht die üblichen nach der schönheit des landes, sondern anscheinend welche, die politisch konnotiert sein könnten. Rafik antwortet, er lese keine zeitung (was nicht wahr ist) und könne dazu nichts sagen. Der gute ist noch diktatur-geschult. Er schärft mir ein, mich zu politischen themen nicht zu äußern, immer zu sagen, dass ich dazu nichts sagen könne, weil ich keine zeitung lese (allein das medium zeitung spricht noch bände darüber, aus welcher zeit diese angst kommt – heute könnte man ja auch fernsehen sehen). Die drei großen tabus der syrischen gesellschaft: sex, politik und religion. Sex kann man machen, darf sich aber nicht erwischen lassen und nie darüber reden (und nie meint nie!). Sich zu politischen themen zu äußern war sowieso gefährlich und religion ist ein tabu, weil die laizistische ordnung die religion klar in den bereich des privaten verweist. Auf die frage nach der eigenen religion (die an sich schon eine unhöfliche ist) ist die korrekte antwort: religion ist privatsache und das land ist für alle da. In der tat ist syrien ja nun ein musterbeispiel religiöser toleranz. All das dumme gelaber in deutschland über angeblich in muslimischen ländern nicht vorhandene kirchen wird hier lügen getraft, wo das staatsfernsehen zwei tage weihnachtslieder ausstrahlt und man mich auf christliche feiertage hinweist, von denen ich in deutschland nie etwas gehört habe, wo nicht nur christen, auch drusen und juden (ja, es gibt juden in syrien) ihre religion frei ausüben können und wo kirchenglocken ebenso zu hören sind, wie der ruf des muhezzin. (und wo ich glücklicherweise auch einfach keine religion haben kann, ohne dass es mir gefährlich wird!)

Gestern Mittag Shakir, mein tandempartner, mit dem ich mich auf dem arnous-platz treffe. Zur zeit des mittagsgebets fallen die geheimdiensler um so mehr auf, die ihre runden um den platz drehen, denn sie sind fast die einzigen menschen auf den straßen. Einer belauscht uns die ganze zeit, so dass ich ihm fast einen platz neben uns auf der bank anbiete, obschon alle anderen bänke auch frei sind. So ungeschichte polizisten! Was er wohl erhofft hatte zu hören? Deutsche vokabeln? Konspirative absprachen mitten auf dem platz zur ungünstigesten zeit? Im prinzip ist es aber mühsam sich in einer sprache, die man so wenig beherrscht zu verständigen. Noch immer denke ich, ich könnte zeichnerisch besser verdeutlichen, was ich sagen will, als auf arabisch. Die schwierigkeiten dabei lieben auf so vielen ebenen: laut-buchstaben-verbindungen, für mich gleich- oder ähnlichklingende laute (،ا ،ع ،ق ء oder auch ،س ،ص ز), der unglaubliche reichtum an synonyman (immer wenn ich ein wort für etwas kenne, wird garantiert ein anderes verwendet), sehr vieles, was in der umgangssprache (die ich erlerne) nicht regelhaft sondern „eben so“ ist, oftmals keine für mich klare trennung von wortarten (nomen, adjektiv, verb) sondern eben ein konsonanten-stamm-prinzip (eine art bedeutungswurzel), dass die kurzen vokale nicht geschrieben werden und ich bei mhmd rate muss, ist es mahmud, mohamed oder hamoudi – was vermutlich sogar noch alles das gleiche ist, und so weiter. Außerdem lernt man sprachen wohl doch besser, je jünger man ist. Schade um die vielen arabischstunden!

Auf dem weg zum internetcafe beobachte ich eine gruppe junger pioniere (oder ihres syrischen äquivalents – hier trägt man immerhin noch die schnittigen uniformen und die bunten halstücher!) auf dem platz zwischen der amerikanischen und der iranischen botschaft, wie sie in einer wohl mühsam eingeübten choreografie mit klatschen und singen den weltfrieden ein stück näher bringt. Kleine kinder, die – wenn sie auch sonst noch nichts wissen – immhin gewiss gehen, dass sie historisch auf der richtigen seite stehen, wo hat man das sonst noch? Heile welt! Und der ort ist gut gewählt, bis auf dass der verkehr rücksichtslos weiter tobt und im allgemeinen geknatter und gehupe wohl kaum jemand merkt was da gerade gesungen und beklatscht wird.

Wieder rauchende kinder. Und arbeitende kinder. Und artige, still bei den erwachsenen sitzende kinder. Kindheit scheint hier entweder nicht erfunden zu sein oder eine kurze, möglichst schnell zu überwindende zeitspanne abzugeben. Wie viele kinder hier arbeiten, anstatt in die schule zu gehen, oder eben nach oder vor der schule noch mitarbeiten müssen. Vielleicht verhalten sie sich daher so gut, weil ihnen wirkliche verantwortung übereignet wird. Kein lernen an stationen und kein noch so ausgetüfteltes pädagogisiertes „eigenverantwortliches lernen“ kann das wirkliche leben ersetzen, das in deutschland doch zunehmend nur simuliert wird. Das mit dem rauchen aber müsste noch mal überdacht werden. Ich schlage eine kampagne für volksgesundheit vor: rauchen, zähneputzen (ja, auch um die mundhygiene ist es hier schlecht bestellt, der stark gezuckerte tee und die abwesenheit jeglicher zahnbürste hinterlässt unschöne spuren schon auf den zähnen der jüngeren) und die benutzung von kondomen. Die ersten kampagnen zu hiv/aids sind ja wohl eher nach hinten losgegangen. Die plakate („nein zu unehelichem geschlechtsverkehr“ – wirklich, kein schlechter scherz!) können, wenn es hart auf hart kommt, die verbreitung eines virus sicher nicht stoppen. aber vermutlich ist es einfacher, in einem muslimischen und konservativen land zahnbürsten zu verteilen, als kondome.

Mittwoch, 12. Mai 2010

schiefe vokabelkarten, blondiertes brusthaar und geheime informationen

Beim sport steige ich das erste mal hinter das prinzip, wie das mit den schränken und dem schlüsselbrett funktioniert. Anscheinend hat jeder, der es will und braucht (ich also nicht, da ich nah genug wohne, die drei minuten im peinlichen trainingsdress zurückzulegen) ein kleines schrankfach. Den schlüssel zu diesem fach, in das man seine persönlichen dinge einschließen kann aber hängt man dann neben der tür an ein schlüsselbrett, anstatt ihn, wie man es sicher in europa machen würde, mitzunehmen. Das ist doch auch komisch, oder? Da müsste man die schrankfächer ja gar nicht abschließen. Schließlich kann sich jeder den schlüssel nehmen, und das fach ausräumen. Scheint aber niemand zu tun. Sonst hätte man das verfahren sicher schon geändert. Das erinnert mich an die situation, in der ich hier vor einigen jahren mal einen wagen gemietet habe. Mir war kurz zuvor in tunesien ein mietwagen gestohlen worden (unangenehme situation, die ich hier jetzt nicht ausbreiten möchte). Daher war ich etwas skeptisch, als ich auf allen seiten des mietwagens einen „rent a car“-aufkleber sah, denn ich wusste, dass mietwagen (wegen ihrer meist hilf- und orientierungslosen insassen) gerne gestohlen werden. Auf meine diesbezügliche nachfrage antwortete mir der mitarbeiter der vermiet-agentur, dass man den wagen ja nur mit diesem schlüssel (und er hielt mit pathetischer geste einen normalen autoschlüssel in die luft, als sei es eine besondere errungenschaft), ja nur mit diesem schlüssel öffnen könne! Daher sei diebstahl gänzlich unmöglich. Da wusste ich, dass das in syrien wirklich absolut kein thema war. Beruhigend. Weniger beruhigend waren heute im sporstudio die aktuellen männer-haarmoden: blondiertes brusthaar (scheußlich!) und geglättetes krauses kopfhaar (erst dachte ich, da führt jemand den hund spazieren). Die fashon-police hat offenbar versagt!

Es hat sich hier inzwischen rumgesprochen, dass ich aus deutschland komme. daher werde ich oft gefragt, aus welcher stadt ich käme. Aus bonn? Warum bonn? Weil es die hauptstadt war. (das mit der wiedervereinigung spricht sich nur mühsam herum – immer noch wird man gefragt, ob man aus ost- oder westdeutschland komme.) es ist lustig, dass eine stadt wie bonn, die für uns so ganz aus dem bewusstsein verschwunden ist, hier noch als (ehemalige) hauptstadt weiterhin bedeutung hat. Ja, was sind schon 20 jahre, wenn man 6000 jahre geschichte unter seinem arsch hat? Was mich mehr erstaunt, ist, dass hier auch kinder (und ich meine kinder, so 8 bis 12 jahre alt) trainieren. Bei uns würde man die in die tobestunde aber nicht zum bodybuilding-training schicken, denn die sind ja noch im wachstum und das, was die hier tun, ist garantiert nicht gesundheitsförderlich für menschen im wachstum. Ebenfalls erstaunlich: einige mitglieder des studios kennen meinen namen, obschon ich ihnen den noch nie gesagt habe. Ja, die informationskanäle der geheimen... im park zum beispiel, wo ich mir am kiosk immer mein wasser oder einen saft kaufe, begrüßte mich vor einigen tagen der neue mitarbeiter auf deutsch. Er habe angeblich gesehen, dass ich deutscher sei. Das sieht man aber überhaupt nicht!!! Er hatte seine information ganz offenbar aus anderen quellen als meinem aussehen. Sie lassen einen an kleinen und unwichtigen stellen immer mal wissen, dass sie im prinzip alles über einen wissen.

Der versuch, kleine karteikarten für die vokabeln zu kaufen gelingt nur mäßig. Nicht, dass ich die 600 vokabeln kann, aber die 600 mitgebrachten karten sind beschrieben. So kleine karten finde ich hier nicht (und so akkurat geschnittene und mit linien bedruckte erst recht nicht). Die größeren, schlampig bedruckten und schief geschnittenen werde ich nun also noch mal von hand nachschneiden und zerkleinern müssen. Immerhin hat sich das verfahren des lernens per karten bisher bewährt. Was nicht heißt, dass ich heute beim arabischunterricht auch nur eine sache gekonnt hätte. Ich war kurz davor, mich aus dem fenster zu stürzen, wenn ich nicht kurzfristig eingesehen hätte, dass es für die nachbarn auch nicht schön ist, jemanden von ihrem wellblechdach wieder befreien zu müssen, der sich nach einem ungeschickten sturz über höchstens einenmeterfünfzig vermutlich nur eben den fuß verknackst hat. Und wenn man dabei eben nicht stirbt, bekommt man die ganze peinliche rettungsaktion ja auch selbst noch mit. Also habe ich contenance bewiesen und bin nicht zum fenster.

ein akt der sabbotage und schöne balletteinlagen der syrischen armee

Ein akt der sabbotage muss es sein, dass meine anzeige zum sprachunterricht zwar erschienen ist, aber mit einer falschen telefonnummer! Ich hatte – ich schwör auf alles alder! – die richtige nummer angegeben. Dann wurden einige wörter vertauscht, also die reihenfolge wurde verdreht, was wohl dem aufbau der schrift von links nach rechts geschuldet ist, womit die layout-abteilung der sonst in arabischer schrift gesetzten zeitung überfordert war. Das aber nicht schlimm ist, verstehen weil kann auch so man ja in reihenfolge falscher, oder? Schlimmer ist der dritte fehler. Die anzeige begann mit: „german teacher...“ gibt stunden undsoweiter. Aber das „german“ wurde vergessen. Nun bietet ein lehrer stunden in irgendetwas an. Natürlich muss ich bei aller bescheidenheit sagen, dass ich mich in vielem auskenne und sicher in der lage wäre auch stunden in anderen dingen zu geben. Dennoch ist damit ein entscheidender bestandteil meines angebotes (eben die deutsche sprache) unterschlagen worden. Gespannt wäre ich eher, wer auf eine solche anzeige antworten würde und was für stunden dann von mir verlangt werden könnten. Leider ist die nummer falsch... Nun wird sich die revisionsabteilung oder die reklamationsabteilung damit befassen müssen, wenn nicht der präsident persönlich. Auf jeden fall kamen heute – erstaunlicherweise – noch keine anrufe. Meine arbeitssaison geht also dann wohl erst eine woche später los...

Gestern hatte ich einen lasy day im park, wo ich mit einem achmed gelbpulli meine rudimentären arabischkenntnisse amelioriert habe, dann mit ihm zu ian gefahren bin. Der taxifahrer verwickelt uns in ein gespräch und meint dann, er sei bei der polizei. Immer diese ungeheimen geheimpolizisten. Hatte ich mir ob seiner visage aber eh schon gedacht, dass er bulle ist und natürlich nichts diskreditierliches von mir gegeben. Immerhin will er, als wir in mezzeh ankommen, kein geld annehmen – ja die geheimpolizei: we are only here to serve you!

Gestern abend sehe ich ali, der mir auf seinem handy erstaunliche videos der syrischen armee zeigt, auf denen halbnackte männer martialische balletteinlagen vorführen. So etwas bizarres habe ich noch nie – und ich betone noch nie! – gesehen. Es tun sich immer wieder erstaunliche dinge auf, wenn man mit anderen kulturen bekanntschaft macht. Und der hier weit verbreitete militarismus muss ja auch irgendwie homosexuell überhöht werden. Angeregt durch das video bekomme ich diverse geschichten von alis militärzeit erzählt, die er mir alle lebhaft vorträgt. Ich habe fast das gefühl, dabei zu sein. Das passt alles so gar nicht zu unserer kultur der konfliktvermeidung, aber ich habe das gefühl, dass da kanalisiert etwas ausgelebt wird, womit jugendliche bei uns vor dem computer allein gelassen werden. Mir ist das alles fremd, aber ich komme auch nicht aus einer region, in der man in den letzten jahren kriege hatte.

Ich weiß noch, wie mich der libanonkrieg 2006 in damaskus überrascht hat und wie von einem auf den anderen tag die ganze kriegsmaschinerie angeworfen wurde mit kriegslieder im radio, videos im fernsehen und neuen plakaten und fahnen überall. Wo jeder laden glaubte, er müsse mindestens einmal am tag laut die nationalhymne spielen und wo die menschen sich tatsächlich (und fast routiniert) auf einen krieg auch hier in damaskus vorbereitet haben, indem sie nahrungsmittelvorräte angelegt haben, medikamente zusammengetragen und geklärt haben, wie im falle eines stromausfalls die wasserversorgung im haus sichergestellt werden könnte (generatoren). Ich wusste bis dahin gar nicht, dass man für wasser strom braucht und dass man strom zum kochen oder heizen natürlich gut durch gasflaschen kompensieren kann, aber die wasserpumpe sich damit eben nicht betreiben lässt. Nun, lange rede – kurzer sinn: mir ist diese kriegerische kultur nicht geheuer und nicht vertraut, aber ich komme eben auch nicht aus damaskus, sondern aus deutschland. ali sieht das ganz anders und zeigt stolz videos, die nicht nur die schönheit (das ist wieder das, was ich sehe), sondern eben auch die kampfbereitschaft der syrischen armee belegen. Mindesten die entschlossenheit, denn ich bezweifle, dass im falle eines falles dieses schöne ballett die israelis beeindrucken würde.

echte brötchen, klinsmann-bmw-hitler und tolle trommeleinlagen

Nach dem sport (wenn ich später gehe ist es etwas leerer – vermutlich gibt es eine reihe übermotivierter, die ab neun zur arbeit müssen), gehe ich mit rafik ins knusper, das deutsche cafe zum späten frühstück. Mich gelüstete nach deutschen brötchen. Ich kann das fladenbrot nicht mehr sehen. Zumal es bei mir um die ecke nur das doofe, gewöhnliche gibt. Das etwas dickere, leckerere gibt es nur in scha’alan und am bab saruja, wo ich nie hinkomme. Und brötchen können die im deutschen cafe hier machen, da könnte sich der ein oder andere bäcker in deutschland eine scheibe von abschneiden. Draußen knusprig, drinnen saftig – wie man es auch bei jungs gern hat. Allerdings ist das frühstück (das neben den brötchen mit französischer marmelade, amerikanischem kaffee, holländischem käse und dänischer butter aufwartet) sündhaft teuer. Pro person einen durchschnittlichen tageslohn. Da ich für hiesige verhältnisse aber ja sehr reich bin, kann ich es mir so gerade leisten. Dann haben wir uns noch etwas in die sonne gesetzt und den tag vergammelt. Noch geht das, es ist noch nicht zu heiß.

Rafik geht am Nachmittag ins hamam und zum frisör, seine restlichen haare waschen, schneiden, legen (drei haare in sieben reihen). Ich mache artig arabisch-hausaufgaben und treffe mich dann mit ian, dem briten, den ich neulich mal im hamam kennengelernt hatte an der president-bridge. Er hat mehrere exchange-partner, mit denen er englisch-arabisch schnackt, bzw. stammelt, denn er meint, auch er mache keinerlei fortschritte. Das scheint ja auch eine möglichkeit zu sein und billiger als unterricht. Aber deutsch-arabisch ist natürlich seltener als englisch-arabisch. Und es muss in etwa passen – also vom niveau her meine ich. So dass der andere so gut/schlecht deutsch kann, wie ich arabisch spreche. Sonst bleibt man automatisch bei der sprache hängen, die beide am besten sprechen können (im zweifelsfalle englisch). Das problem ist: wenn ich leute kennenlerne, die etwas deutsch können, dann sind das meist so vollhonks, die das wegen klinsmann-bmw-hitler lernen. Und mit solchen typen dann ne stunde über „deutschland ist toll“ reden halte ich kaum aus. Englisch lernt ja jeder. Eben auch vernünftige menschen. Aber deutsch? Wäre ich franzose, ich hätte schon die besten kontakte in die französischsprachigen damen-salons der christlichen high-society gefunden, aber als deutscher?

Am abend mit freunden um den block gezogen. Im ali-pascha-cafe am merje gelandet, wo ein lustiges musikvideo lief. milham sein heißt der sänger, das lied: alouah. Habe sogleich um die ecke die mp4-cd dazu erstanden und kann es jetzt zuhause noch mal ansehen. Neben den obligatorischen szenen, die in keinem arabischen musikvideo fehlen dürfen (mann greift zum handy und ruft frau an, plastikträne auf gepuderter frauenwange und so), gibt es endlich mal wirklich lustige und bildstarke szenen. Eine großgruppe von männern und frauen in traditionellen und beeindruckenden trachten tanzt traditionelle und sehr wilde tänze (mit tollen trommeleinlagen). Dabei wirbeln sie mit schwertern herum. Soweit ja noch nicht außergewöhnlich. Aber die orte sind gut gewählt: vor der banque national du liban (einem schmucklosen 70er-jahre funktionsbau) zum beispiel, oder auf der baustelle zur neuen beiruter innenstadt. Am besten gefiel mir die 10-spurige straße, bei der sich hinter der tanzenden traditionsgruppe ein kliometerlanger stau entwickelt. Treffender kann man tradition und falsch verstandene moderne nicht miteinander konfrontieren. Ob es das video zum nachschauen auf youtube gibt, vermag ich leider (aufgrund syrischer zensurbestimmungen) nicht zu recherchieren.

Dann haben wir für mich eine anzeige aufgegeben, in der ich meine dienste als deutschlehrer offeriere. Es gibt hier mehrere gratis-blätter mit anzeigen. Alle kommen sonnabend raus. In einer haben wir die anzeige „geschaltet“ wie man wohl sagt. Auf englisch und auf französisch (denn wenn ich es auf arabisch getan hätte, hätte ich damit suggeriert, dass die telefonate zur anbahnung auch auf arabisch geführt werden könnten, was aber leider mitnichten so ist). dazu haben wir vorher noch eine extra telefonnummer besorgt. Die anzeige konnte man in einem musikladen in scha’alan aufgeben. Dort stand ein huhn mit einem kleinen block, auf den man handschriftlich (ich habe versucht in meiner schönsten sonntagsschrift zu schreiben, es wird aber sicher den einen oder anderen „transkriptionsfehler“ geben) seinen anzeigentext schrieb. Dann drückte man ihm das geld für die anzeige in die hand (keine quittung versteht sich) und das war’s. inscha’alah erscheint sie nun nächsten sonnabend.

deutschenwahn, wurstprodukte und hohenschönhausen für reiche

Bei meinem einkauf erstehe ich ein erstaunliches wurstprodukt mit dem namen bavaria. „real german taste – real halal meat“. Eine in damaskus hergestellte pepperoni-wurst, die sich mit einer deutschland-banderole schmückt. Der „real geraman taste“ ist mir in deutschland so noch nie begegnet. Vermulich ein weiteres kapitel das da heißt: von deutschland lernen, heißt siegen lernen – mindestens in fragen der ökonomie. Wenngleich ich gestern wieder eine dieser unerfreulichen „hitler war gut, denn er war gegen israel (!)“ – diskussonen hatte. Manmanman – da muss noch aufklärungsarbeit geleistet werden. Ich weiß nicht, wo ich anfangen würde, wenn nur mein arabisch besser wäre!

Am abend treffe ich michel. Wir fahren zu einem befreundeten französischen pärchen nach dumar. Das ist eine neue hochhaussiedlung vor damaskus richtung berg. Auch „new sham“ also neu-damaskus genannt. Wie sich der araber modernität vorstellt! Links ein hochhaus, rechts ein hochhaus und zwischendrin die autonahn. Toll! Es ist mit das teuerste, was damaskus zu bieten hat und auf meine entgeisterte nachfrage wird mir bestätigt, dass es auch so teuer sei, da man hier ja alles habe, man brauche nicht mehr in die stadt zu fahren. Und man habe einen schönen ausblick (auf andere hochhäuser und eben die autobahn). Und es sei (wenn kein stau sei) ja auch gar nicht so weit in die stadt. Ich meine wir haben in den siebzigern sicher auch städteplanerischen unsinn verzapft, wenn leute eigenheime auf die grüne wiese gebaut haben. Aber das hatte mindestens den vorteil dass es noch einen garten drumrum hatte. Aber in einer hochhaussiedlung vor der stadt, das kennen wir doch in europa nur von den banlieus oder aus mümmelmannsberg und hohenschönhausen. Und hier gibt es hohenschönhausen für reiche. Alle böden aus marmor! Zwei aufzüge. Zentralheizung! Geschmackloseste einrichtung! Und zwei dicke männer, die sich durch die 980 kanäle ihrer drei satellitenschüsseln zappen. Beides etwas bizarre franzosen, die hier leben (seit zwei jahren oder so) und die von damaskus noch nix – und man kann es wirklich sagen – noch gar nix gesehen haben. Eben weil sie hier leben und so viele tv-programme haben. Sie leben in einer vollkommen anderen welt. In den sportclub konnten sie nicht gehen, weil ihnen der swimming-pool zu klein (!) war. Bei meinem gibt es nichtmal eine dusche. Im prinzip kann man solche menschen in ein hochhaus mit satellitenschüssel setzen, wo immer auf der welt es gerade steht, ihnen einen marmorboden unter dem arsch verlegen und ihnen dafür viel geld abnehmen. Wir trinken ein, zwei cola zusammen, plaudern auf englisch (so lerne ich nie arabisch!) noch mal über dies und das und dann fährt michel mich wieder nach hause. Bzw. zur ecke in der nähe. Von dort sind es noch 400 meter zu meiner wohnung.

Für diese 400 meter brauchte ich heute eine stunde. Nicht weil ich so langsam ging, sondern weil ich ständig aufgehalten wurde. Erst sprach mich ein zwanzigjähriger informatikstudent (sehr niedliche dunkle knopfaugen) an, er habe mich deutsch sprechen gehört (ja, ich hatte gerade noch kurz mit rafik telefoniert) und er liebe deutschland über alles. Sein zimmer zuhause (in das er mich inscha’allah demnächst mal mitnehmen werde) sei über und über mit deuschlandpostern beklebt und er hatte sich auch über eine sprach-cd selbst einige sätze deutsch beigebracht („können sie etwas langsamer sprechen, ich habe sie nicht verstanden“ zum beispiel). Er und seine sechs freunde (auch alle ganz entzückend) sind alles meine direkten nachbarn. Einer kannte mich aus dem sportstudio (ich erinnerte mich aber nicht an ihn). So verging die zeit im austausch von nettigkeiten, vor allem eben über deutschland (viel gut), die deutschen (alle nett und clever) und die deutsche sprache (sehr schön aber eben auch sehr schwer) und im aussprechen der ein oder anderen einladung zum tee, zum essen oder einfach nur, um sich mal zu besuchen. Als ich mich gerade von ihnen verabschiedet hatte und um die nächste ecke bog, kam faruk, mein englisch sprechender nachbar vorbei. Er langweile sich zuhause (die beengten wohnverhältnisse treiben die jungen männer auf die straßen) und er schlendere daher eben so durch die gassen. Nun, so musste ich mich auch mit ihm noch zwanzig minuten unterhalten. Der reinste englischkurs heute!

Dienstag, 27. April 2010

stoische erwachsene, ignorierte kinder und ununterscheidbare laute

Nach ausschlafen, frühstück und wohnung putzen (waschen und wischen) fahre ich zum merje. im microbus fällt mit wieder auf, wie artig hier die kinder sind. Vorne sitzen drei jungs, die vermutlich in die vierte klasse gehen könnten, hinten auf dem schoß der eltern noch mal zwei kinder. Fünf kinder in einem öffentlichen verkehrsmittel, das wäre bei uns die hölle. Da wäre tamtam und geschrei und die eltern würden permanent auf die kinder einreden (sieh mal da hinten, ein minarett! nein kevin, lass das! Nimm die füße vom sitz! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass... und so weiter). hier sitzen die kinder ruhig und artig da, fast wie die erwachsenen. Manchmal etwas neugierig den fahrer beobachtend und sehr ernsthaft das geld und das zurückgehende wechselgeld weitergebend (immerhin sitzen sie vorne und haben daher diese aufgabe). Ich glaube die drei jungs waren sogar allein unterwegs. Kinder sind hier so etwas alltägliches, dass ihnen keine aufmerksamkeit geschenkt wird und das scheint ihnen gut zu tun. Sie orientieren sich an den erwachsenen, die vorgeben, wo es lang geht und wie sich verhalten wird. Und die erwachsenen geben das ganz ruhig und gelassen vor, ohne laut zu werden und bleiben, selbst wenn kinder mal schreien, stoisch ruhig.

Hier wollen die kinder ganz offenbar erwachsen werden (mit den dann auch mal negativen folgen, dass man achtjährige rauchend sieht – ein tragisches missverständnis). In deutschland werden die seltenen kinder wie kleine prinzen hofiert. Es wird nach ihrer nase getanzt und sie tanzen den erwachsenen dann auf der selben herum. In deutschland erleben wir eine infantilisierung der kultur und der lebensformen. Man will solange es geht kind, zumindest jugendlich bleiben. Die vergötterung der jugend löst in den jugendlichen wohl unbewusst das gefühl aus, der nabel der welt zu sein, um den sich alles zu drehen hat und die erwachsenen machen das auch noch mit. Hier gibt es (auch weil es wenige alte und viele junge gibt) so etwas wie achtung vor dem alter (hey, werde ich etwa doch noch konservativ? Ich höre mich ja schon an, wie meine eigene großmutter). Kinder und jugendliche leben sich in dieses schema hinein und versuchen, sich so zu benehmen, wie sie es von den erwachsenen vorgelebt bekommen. Ich finde es ausgesprochen angenehm, dass man kinder, obwohl es sicher zehnmal so viele davon gibt, wie in deutschland, kaum merkt. Man müsste sie in deutschland wohl auch einfach mal ignorieren und ihr ding machen lassen. (bin mit meinen zeitkritischen darlegungen offenbar erfolgreich im 19. Jahrhundert angelangt.)

Arabisch ist heute anstrengend. Wir klären noch mal (immer wieder!) die im arabischen vorhandenen und für mich nicht unterscheidbaren laute. Vier verschiedene s-laute, von denen ich mit mühe nur zwei voneinander trennen kann und diverse a-äh-laute, die sich alle sehr gleich anhören, aber sehr genau voneinander zu unterscheiden sind, da sie eben verschieden sind und unterschiedliche bedeutungen konstruieren (wie das bei sprache eben so ist). dann noch mal kurz einkaufen, was hier ja immer erfreulich ist. dem obsthändler sage ich, dass seine billigen orangen deutlich besser schmecken, als seine teuren (ich hatte nämlich jeweils zwei kilo gekauft und sie vergleichend probiert – clever!). daraufhin schenkt er mir noch mal drei der billigeren (und besseren) orangen. Das freut einen. Ja, es muss auch einen lohn für die evaluation des obst- und gemüsefachhandels geben. Enttäuschen tut mich nur die neue apotheke (die vierte in der straße), die weder richtig weiß, was aspirin ist, noch es im angebot hat (das ist hier sonst – ähnlich wie in deutschland – ein standardmedikament). So sage ich der apotheke keine rosige zukunft voraus, denn die konkurrenz ist hart. Auf dem rückweg begrüßen mich vier herumlungernde jugendliche mit „welcome to syria!“ nach monaten in diesem viertel, immer wieder eine freude! Ich fühle mich wirklich willkommen.

aufdringliche gesten, eine ordre mufti und der souk der kurzen wege

Spätestens, wenn einem das erste mal die hacken abgefahren worden sind, fällt einem auf, dass man in aleppo deutlich stürmischer auto fährt, als in damaskus. Priorité au voiture scheint der aleppiner zu denken. Schließlich hat man noch was vor und nicht den ganzen tag zeit, wie in damaskus. Die stadt entfaltet – obschon deutlich kleiner als die kapitale im süden – eine hektische betriebsamkeit par excellence. Fußgänger, insbesondere wenn sie versuchen, die für die kraftfahrzeuge bestimmten fahrbahnen zu überqueren, stören da nur. Wir schaffen es dennoch (nach einer von mücken versummten nacht und einem klassischen hotelfrühstück im baron) heil den souk zu erreichen, der einer der schönsten der arabischen welt zu sein scheint. Allerdings ist hier alles durcheinander. Nicht in gewerbe geteilt (hier die goldschmiede, dort die schlachter), nein: damenmoden neben der kamelschlachterei, die mandelrösterrei gegenüber dem schreibwarenladen. Das kann praktisch sein (souk der kurzen wege, wenn man zum beispiel einen neuen dress und noch etwas kamel-innereien fürs frühstück braucht), aber auch ganz schön anstrengend (wenn man versuchen muss, bei der anprobe des neuen kleides nicht im kamelblut auszurutschen).

Die zitadelle ist prächtig und vor allem sehr groß. Wir irren in der Mittagssonne dort lange umher und brauchen daher sogleich eine erfrischung. In den cafes am fuße der zitadelle hühnert viel personal herum, dass aber so in etwa alles falsch macht was man in der branche falsch machen kann. Ich würde, anstelle der fünf unfähigen und vermutlich unterbezahlten hühner lieber einen anständigen garcon einstellen, der sein handwerk versteht und noch einen funken professioneller ehre besitzt. Nachdem man zu laut und durch aufdringliche gesten (aber leider ohne jedes lächeln) auf seinen platz bugsiert worden ist, wird eine hektische betriebsamkeit entfaltet, als ob man mit einer kompleten reisebusladung eine großbestellung kompliziertester speisen aufgegeben hätte. Dabei wollten wir nur wasser, einen tee und zwei kaffee. Das bestellte wird spät und nicht gleichzeitig gebracht. Die rechnung ist vollkommen überteuert und die kellner (wenn man sie so nennen kann), haben auf ihren mobiltelefonen ihre musik (zu laut und schlecht) laufen und nerven damit die gäste. Entnervt gehen wir nach kurzer zeit weiter.

Als wir ins christliche viertel fahren wollen, finden wir kein taxi, das uns mitnehmen will. Es scheint das gleich phänomen, wie in damaskus zu sein, dass alle zu einer bestimmten zeit schichtwechsel haben und nur in eine bestimmte richtung wollen (meist nicht diejenige, in die wir müssen). An einem laden bietet uns ein gutaussehender verkäufer mandeln an, die ich aber nicht annehme, da ich sie nicht mag. Aber ich will ein wasser kaufen. Er gibt es uns, und besteht darauf, kein geld nehmen zu wollen. Als rafik ihn fragt, in welche richtung wir zum christlichen viertel müssen (rafik fragt überhaupt immer alle – vor allem hübsche jungs – allesmögliche, ob nun nötig oder nicht. Wenn jemand nach dem weg gefragt wird, werden bei ihm gleichzeitig noch erkundigungen eingezogen, ob der ort, zu dem man gerade möchte, und zu dem man sich den weg gerade hat erklären lassen, ob der denn nun den weg lohne, schön, wichtig und richtig sei und so weiter. Jeder polizist wird gefragt, was er uns denn von der karte des restaurants nebenan empfehlen könne). Der verkäufer also springt aus seinem laden hervor, hält ein taxi an und bedeutet ihm, uns zu fahren. Das erste taxi kann sich noch rausreden, das zweite wird per ordre mufti angewiesen uns zu befördern, denn – so stellen wir gerade fest – der verkäufer ist ein mitarbeiter des geheimdienstes, der ja so geheim nicht ist, wenn er es gleich verrät. Und damit scheint er die autorität und befugnis zu haben, sich um so wichtige dinge, wie die ordnungsgemäße beförderung von touristen mit dem taxi zu kümmern.

Die rückfahrt aus aleppo gestaltet sich ganz anders, als die hinfahrt. Wir haben den modernen und schnelleren zug gewählt. Am bahnhof hält der ansager – einem conferencier gleich – mit einem schnurlosen mikrofon in der mitte der bahnhofshalle stehend eine begrüßungsrede. Mit sonorer, angenehmer stimme heißt er alle willkommen und wünsch eine gute reise. Man solle nichts vergessen und beim einsteigen in den zug vorsicht walten lassen. Da fühlt man sich doch gleich willkommen! Im zug wird uns allerdings der preis der modernität des zuges klar: das personal agiert in der kühlen professionalität der distingtion. Weder charmantes lächeln, noch ausgesuchte freundlichkeit. Dafür kopfhörer, bonbons, plastikbecher (zwei mal, allerdings nie etwas zu trinken dafür), zeitungen und permanente musikberieselung, die uns nach drei stunden zum wahnsinn treibt. Erstaunen tut mich die durchsage, dass es verboten sei zu rauchen (sehr gut!) und sich die schuhe auszuziehen (!). Was auch etwas wundert, ist die reisezeit. Wo der mittelschnelle zug fünf stunden und zehn minuten gebraucht hat, braucht der schnellere fünf stunden und dreißig minuten! Wir hätten den langsamsten nehmen sollen, vermutlich schafft der die strecke in vier stunden.

tutende züge, serviceorientierte bahnbeamte und keine entgleisungs

Nach meiner nunmehr ersten zugfahrt mit der staatsbahn cfs muss ich feststellen, dass das bahnreisen in syrien nicht implementiert ist. der bahnhof ist – für eine 6-millionen-metropole – provinziell und es ist wenig los. Viele junge männer, einige auch recht gutaussehend. Pünktlich um fünfzehn uhr zehn fährt der zug mit durchgehendem getute ab. Recht viele leute bleiben am bahnhof sitzen, obschon der zug nun fährt. Da der nächste zug erst sechs stunden später geht, kann ich mir kaum vorstellen, dass sie auf den warten werden. Handelt es sich um trainspotter? Die sitze sind äußerst bequem! bei der innengestaltung wurde viel wert auf kleine details gelegt. Jeder sitz hat eine holzverschalung, ein tablett, ist aufwendig geformt und kann in eine liegeposition gebracht werden. Überhaupt wurde ungemein viel material verbaut. Es scheint nur erster klasse wagons zu geben (wohl eine Remineszenz an die sozialistische vergangenheit). Die wagons sind zu etwa einem drittel gefüllt. Schon kurz nach der abfahrt kommen drei kontrolleure! Einer kontrolliert. Ein weiterer steht daneben und könnte im falle, dass ein fahrschein an bord gekauft werden müsste, diesen ausstellen. Ein dritter hat dann die verantwortungsvolle aufgabe, die kontrollierten fahrkarten zu entwerten, indem er sie mit der hand zerreißt. Das bordrestaurant, in dem einige hasen arbeiten, verdient strenggenommen seinen namen nicht, denn es gibt nur tee und kaffee. Immerhin denken wir, wir sind ja im schnellen zug und werden pünktlich zum abendessen in aleppo sein. Aber da hatten wir die rechnung ohne die syrische staatsbahn gemacht. Denn kurz darauf bricht unklarheit darüber aus, in welchem zug wir nun eigentlich sitzen. Auch das anwesende personal kann dazu nur unklare angaben machen. Der zug sei schnell, aber nicht sehr schnell, aber eben auch nicht langsam. Er brauche – heißt es vier, nein fünf, nein doch eher sechs stunden. Einen fahrplan scheint es nicht zu geben und wenn, dann ist er den bahnangestellten nicht bekannt. Zum glück entschädigt die aussicht. Die Landschaft ist wunderbar grün hier, herrlich orientalisch-wüstig dort. Kinder und jugendlich winken dem zug zu (wo sieht man das in deutschland schon mal?). die Serviceorientierung der staatsbahn ist ungeschlagen. Nicht nur, dass permanent angestellte durch den zug gehen, die nächsten stationen ansagen, einem wasser holen, kaffee bringen oder taschentücher reichen, nein, sie sind auch für gemeinsame fotosessions zu haben und schakern mit einem herum, halten die gäste bei laune. Die stimmung ist gut. Man plaudert, teilt getränke und lernt sich kennen. Ziemlich direkt macht uns einer der arbeiter an. Wir tauschen nummern, machen fotos, schakern so herum. Da vergehen die stunden wie im fluge! Wenn die bahn fährt, ist sie tatsächlich schnell. So schnell, dass man hofft, dass die entgleisungen zu ehren von karl marx um fünfzig prozent gesenkt werden konnten, denn die gleise sind furchtbar ruckelig und man wird hin und her geschaukelt. Aber man fährt eben oft gar nicht, sondern wartet, dass ein entgegenkommender zug an einem vorbei gefahren ist. die strecke ist eben leider nur eingleisig.

Angekommen wird versucht, gleich eine rückfahrkarte zu erwerben, was nicht so einfach ist, denn der aleppoer, alepper oder aleppiner ist gut organisiert, was sich vor allem daran zeigt, dass die tickets in verschiedene destinationen an den jeweils unterschiedlichen schaltern in jeweils anderen räumen verkauft werden. So muss man sich an einem schalter erkundigen, wann ein zug fährt, an einem weiteren seinen pass (mit namen der eltern!) registrieren lassen, um die berechtigung zum erwerb einer bahnfahrkarte zu bekommen. Dann kann man zum fahrkartenschalter (aber bitte dem richtigen!) gehen, wo man erstaunlich günstig die rückfahrkarte erwerben kann. Aus dem bahnhof herausgetreten nimmt einen die anmut der stadt sofort in den bann. Wir fahren zum baron hotel, wo wir standesgemäß logieren. Rafik bekommt als syrer das zimmer für nur ein viertel des normalen touristenpreises, den unsereins berappen muss. Das restaurant, in dem wir sogleich unseren hunger stillen, hat alkoholausschank, was auch heißt, dass sich dort allerlei halbweltgestalten treffen. Aber das essen ist hervorragend! Danach schleichen wir noch ein stündchen durch den menschnleeren park und einige straßen. Viele cafes, hotels und restaurants. Zur burg werden wir die nächsten tage gehen. Und inscha’allah ins hamam!

tertiärer sektor à la syrienne, ticketkauf und blumen überall!

Auf dem weg zum hamam fällt mir die absurdität der für den geheimdienst arbeitenden straßenhändler auf. Im prinzip kann man davon ausgehen, dass alle straßenhändler mindestens als informanten für den geheimdienst arbeiten. Sonst würde man sie ihren geschäften nicht in ruhe nachgehen lassen. Sie sind also als straßenhändler getarnte geheimdienstler oder geheimdienstler mit einem nebenerwerb als straßenhändler. Nun warnen aber eben diese geheimen straßenhändler andere, illegal arbeitende straßenhändler, die von der polizei vertrieben werden würden, wenn sie bei ihrer tätigkeit erwischt werden würden, vor der polizei. Sie geben ihnen ein zeichen zu verschwinden, wenn die für die unterbindung des straßenhandels zuständigen ordnungskräfte anrücken, so dass jene ihre waren in sicherheit bringen können um sie vor der konfiszierung zu bewahren. Vermutlich bekommen sie dafür von den illegal operierenden straßenhändlern sogar auch noch einen obulus. Ja, tertiärer sektor á la syrienne...

Am späteren nachmittag kaufen wir am hijaz die tickets für die zugfahrt morgen. Es ist kein wunder, das die syrische bahn keine rolle spielt und alle welt mit dem bus reist. Der schalter ist gar nicht erst besetzt, der mitarbeiter kommt aber nach einigen minuten aus dem foyer (er hatte uns schon lange gesehen) angeschlurft. Die züge fahren mitnichten zu den zeiten, die uns gestern bei der auskunft mitgeteilt wurden, sondern eben ganz wannanders. Daher müssen wir umdisponieren. Wir wollen drei tickets kaufen. Für den zug um zwölf. Man bedeutet uns zuerst, wir sollten dann doch morgen zwischen zwölf und eins kommen (welcher logik das entspricht blieb uns verborgen, denn zumindest nach zwölf wäre doch unter normalen umständen davon auszugehen, dass der zug, der um zwölf fahren soll schon weg ist). wir bestehen auf einen sofortigen kauf und stellen fest, dass der zug um zwölf mitnichten mittags, sondern in der nacht fährt. Was ein pech! Also den um drei. Der beamte (oder eben bahnangestellte) begibt sich nachdem dieses beratungsgespräch im foyer geführt worden ist, auf seinen arbeitsplatz hinter dem schalter. Tatsächlich druckt er dann auch drei karten aus! Wir haben ganz offenbar nun also drei zugfahrkarten für den dreiuhrzug morgen. In der ganzen zeit unseres aufenthaltes will nicht ein weiterer mensch auch nur eine zugkarte kaufen. Damaskus hat sechs millionen einwohner und dies ist der schalter des bahnhofs, der im stadtzentrum gelegen ist. manchmal ist man schon etwas erstaunt.

Auf dem weg zum internetcafe sehe ich, wie überall schöne blumen gepflanzt werden. Überhaupt wird der öffentliche raum hier gehegt, gepflegt und aufgehübscht, was das zeug hält. Nachdem die mauern um parks entfernt, fast alle gehwege im zentrum neu gepflastert und viele plätze neu gestaltet wurden, hat man nun begonnen die hässlichen fußgängerbrücken wieder abzubauen (die man erst drei bis vier jahre zuvor aufgebaut hatte) und absperrgitter abzusägen (die fußgänger von betreten der fahrbahn abhalten sollten, sich aber manchmal nur als tragische stolperfallen entpuppten, denn selbstredend sind die fußgänger über diese herübergeklettert und dann mitten auf der fahrbahn tragisch verunglückt). Jetzt bekommt die verkehrspolizei noch schöne weiße häuschen mitten auf alle kreuzungen gesetzt und es werden eben allerorten blumen gepflanzt. Ja, damaskus – ville fleurie!

Nun, die nächsten tage ist ein weiterer kleiner ausflug geplant, der uns diesmal in die schöne stadt Aleppo führt. Danach kann ich wohl wieder was berichten...

Sonntag, 11. April 2010

unseriöse etablissements, suchtprobleme und perrier mit limonenaroma

Gestern abend gehe ich zusammen mit einigen freunden ins karnack. Dieses etablissement gilt als eines der unseriösesten der stadt! Als „restaurant“ getarnt im ersten stock gelegen, möchte man nicht wissen, was es dort zu essen gäbe. aber alle trinken eh nur bier. Die dosen (vor allem die leeren) werden auf dem tisch stehengelassen. Nicht so sehr um damit anzugeben, denn die verfassung einiger herren (es sind fast ausschließlich herren anwesend) lässt nach wenigen schlucken schon zu wünschen übrig, sondern mehr, um dem kellner bei der erstellung der abschließenden rechnung behilflich zu sein. An manchen tischen stapeln sich allerdings so erstaunliche berge an dosen, dass sie einem pfandsammler in deutschland zu glücksgefühlen und reichtum verhelfen würden. Die überwiegende mehrheit der anwesenden ist dem gleichen geschlecht zugeneigt, wenngleich sich immer auch touristen hierhin verirren, die in einem reiseführer gelesen haben, dass man hier bier trinken gehen kann. Und solche orte gibt es in damaskus ja nicht so oft. Im christlichen viertel noch den einen oder anderen, aber in diesem teil der stadt ist es abseits eines hochpreisigen restaurants mit weinausschank kaum möglich, gesittet an alkohol zu kommen (wenn man bei diesem laden von gesittet reden kann). Die luft ist rauchgeschwängert und ab und zu durchziehen schwaden von frittierfett-geruch den raum. Es scheint also doch eine küche zu geben. Einige tunten sind unter den gästen, die hier wohl versuchen den einen oder anderen betrunkenen scheich abzukriegen. Wohl auch viel stammpublikum. Manche sehen zumindest so aus, als ob sie mit einem suchtproblem zu tun hätten.

Überhaupt genießen ja läden, in denen alkohol getrunken werden kann hier einen ausnehmend schlechten leumund. Fast gar so schlecht, wie bei und etwa eine fixerstube. Davon lassen wir uns allerdings nicht abschrecken. Wenngleich wir bis auf zwei ausnahmen alle wasser oder cola bestellen (wohl sehr zur enttäuschung des kellners, der sicher mit uns schon das geschäft seines lebens gewittert hat). Da es sehr laut ist (die lautstärke stiegt proportional zum betrunkenheitsgrad des anwesenden volkes), verlassen wir irgendwann den laden und gehen in den am hijaz liegenden teegarten. Dort ist auch die luft besser und schwule gibt es hier auch reichlich. Das ist ja das schöne an damaskus: manchmal hat man das gefühl, hier sei sodom und gomera! Zu spät ins bett, da wir dann auch noch im park ne runde gedreht haben. Vergnügungssüchtiges volk, wir!

Im knusper , dem deutschen cafe, die gewohnt unaufmerksame bedienung. Obschon personal reichlich vorhanden ist, weiß offenbar die eine hand nicht, was die andere tut. Unsere bestellung (ein perrier (!), ein wasser, ein kaffee und ein espresso) überfordert die servicefachkraft hoffnungslos. Vermutlich war es gar nicht die servicefachkraft, der wir unsere bestellung aufgegeben haben, dämmert uns da, sondern nur derjenige, der dafür zuständig ist, uns die tischunterleger (mit berlitz-sprachschul-werbung!) hinzulegen. Ein anderer ist verantwortlich, uns eine flasche wasser zu bringen, ein dritter die telefonbuchdicke karte (mit snickers-cafe-latte und double-fudged-whithe-chocolate-cappuccino und solchen schweinereien). Dann kommt der vierte für die bestellung. Na endlich! Anstatt einen mitarbeiter zum staubwischen auf den verdreckten tischen abzustellen, stehen sich die restlichen kellner die beine in den bauch. Aber auf den tischen müssten ja auch erstaunlich viele werbe-aufsteller hochgenommen werden, wenn man sie abwischen wollte. Hier wird (unpassender und unappetitlicher geht es kaum) für eine gesichts-abdeck-creme geworben. Endlich kommen die getränke. Leider gibt es (das wäre ja auch zu einfach!) kein perrier ohne limonen-aroma. Die milch zum kaffee wird in einem kleinen schiffchen serviert (bzw. es wird der versuch unternommen) . aber sie schwimmt schon zur hälfte auf dem tablett des kellners. Es ist eh eine so mikroskopische menge, dass ich drei mal milch nachbestellen muss. Das scheint hier ein besonders kostbares gut zu sein! Die anwesenden gäste scheinen verpflichtet, ein mac-book auf ihrem tisch stehen zu haben. Nirgendwo ist die laptop-dichte größer. Und fast alles mac-books. Dabei gibt es in ganz damaskus keinen mac-händler. Sehr praktisch, wenn die mal kaputt gehen (was ja aber zum glück nie passiert).

bahnhöfe ohne züge, sinkende importzölle und ein bodybuilding-museum

Gehe gestern das erste mal zum sport. Wie schon festgestellt, handelt es sich um ein kleines, stinkiges und mäßig ausgestattetes studio, in dem dann für die zeit doch recht viel los ist. und wie schon jahre zuvor, als ich mich mal in einem sportstudio hier in damaskus verdingte, merke ich sofort, dass es eine offenbar weltweite sportstudiokultur der unfreundlichkeit gibt. Ich finde es ja in deutschland immer schon komisch, wenn man menschen, denen man regelmäßig begegnet, auf die man noch dazu zum beispiel in der umkleidekabine oder unter der dusche trifft, einen nicht grüßen oder einen gruß nur widerwillig erwiedern. Hier aber, wo menschen sich überall (wie ich hier nun feststellen darf eben mit ausnahme der sportstudios) freundlich begegnen, sich mit komplimenten und herzlichem tagtäglich überschütten, mutet es noch um vieles merkwürdiger an, wenn man dann auf so muffelige bodybuilder stößt. Vielleicht glauben sie, ihre (ich unterstelle das mal) angekratze männlichkeit, die sie durch muskelberge aufpolieren müssen, brauche zudem noch eine unfreundliche art, um wirklich männlich zu sein. Nun denn, ich muss sie ja nicht heiraten. Und entschädigt werde ich durch das interieur. Trophäen diverser wettbewerbe und bilder der idole aus den achtziger jahren. Die plakate der sport-revue von 1981 hängen aus! Ein bodybuilding-museum!

Die reisebüros, in denen wir uns wegen einer avisierten istanbul-reise mit dem zug (!) erkundigen wollen winken ab: die züge seien staatlich und da müssen wir zum hijaz-bahnhof gehen und uns dort erkundigen. Da waren wir aber schon vorher. Dort trafen wir auf eine private telefonate führende angestellte, die uns zehn minuten ignoriert hat um uns dann einsilbig zu erklären, dass sie auch nichts wisse, man solle zur türkischen grenze fahren und sich dort erkundigen (!!!). ja, wie gesagt, die bahn ist staatlich (was nicht heißt, dass sie besser wäre, wenn sie privat wäre, was aber heißt, dass sie eben wohl so schlecht funktioniert, wie eine behörde hier eben funktioniert). Nun werden wir uns erstmal auf den weg zum weiter außerhalb gelegenen bahnhof machen, bei dem die züge fahren, denn der hijaz-bahnhof ist ja sozusagen nur noch ein rudiment, ein überbleibsel aus besseren zeiten der bahn. Es fahren hier schon seit jahren keine züge mehr, da auf dem alten gleisbett ein einkaufszentrum errichtet werden soll. Das aber ist seit ewigkeiten in planung und es sieht ganz so aus, als ob es dazu so schnell nicht kommen wird. Wir werden uns also in kadam (dem bahnhof mit zügen) erkundigen müssen. Es gibt nämlich sehr widersprüchliche angaben zu zugverbindungen von damaskus nach istanbul. Einige menschen berichten, dass es einen durchgehenden zug gäbe. Das ist aber wohl schon jahre nicht mehr so. dann gibt es andere, die behaupten, man müsse drei mal (wo, da widersprechen sich die angaben) umsteigen, aber die züge seien eben nicht aufeinander abgestimmt und es könne passieren, dass man dann an der grenze oder an einem anderen ort mal so zwei oder drei tage (!) warten müsse. Die züge fahren eben teils nur zwei mal die woche. Das alles spricht dafür, vorher gründliche erkundigungen einzuziehen. Aber mit dem zug soll’s schon sein, das ist viel romantischer als eben mal nach istanbul zu fliegen und deutlich bequemer als zwei tage lang in einem engen, miesen reisebus zu sitzen.

Dann kurz im beit zaman einen kaffee getrunken und ab nach hause, wo mein arabischlehrer schon auf mich wartete. Der stau wird wirklich immer unglaublicher und man braucht inzwischen fast doppelt so lange, um von a nach b zu kommen, als noch vor zwei oder drei jahren. Syrien hätte dieser verdammten wto nicht beitreten sollen und die horrenden importzölle auf autos noch erhöhen sollen! Ich weiß nicht, wann die menschen es hier merken, aber mit einem auto kann man sich hier gar nicht mehr fortbewegen!

Freitag, 2. April 2010

abrissarbeiten, nächtliche anrufe und knatternde ampelanlagen

Wache heute morgen durch beharrliches gehämmere auf, das auf abrissarbeiten hindeutet. Die bautätigkeit hier erreicht immer neue höhepunkte, dabei ist das viertel eigentlich schon dicht bebaut. Aber im laufe der letzten zwei monate wurden mehrere kleinere und ältere lehmhäuser dem erdboden gleichgemacht, um an ihrer stelle schönere, und vor allem höhere häuser aus beton zu bauen. Manchmal aber auch werden nur kleine, wackelig aussehende räume auf die dächer schon bedenklich wackelig dastehender älterer häuser gesetzt. So wuchert raum um raum zu einem amorphen gebilde aus stein, lehm, wellblech und stahlstangen, die dem ganzen halt geben sollen. Wie dem auch sei, seit heute morgen um neun (immerhin) wird fleißig gehämmert. Mal mit dem vorschlag-, mal mit dem presslufthammer, dass der boden unter meinen füßen bebt. An schlaf – insbesondere ausschlafen ist da gar nicht zu denken!

Gegen zwei uhr in der nacht rief noch mein sprachlehrer an, um einen termin zu bestätigen. anders als in europa scheint es hier keine grenze zu geben, bis wann man anrufen kann. Das hat mich schon immer stutzig gemacht, wenn ich zu später stunde bei rafik anrief und seine frau mich dann bat, in zwei stunden – gegen ein uhr nachts – noch mal anzurufen. Dafür kann es meiner meinung nach drei gründe geben: zum einen könnte man schlicht verlangen, dass derjenige, der nicht angerufen werden will, sein telefon einfach aus- oder leisestellt. Zum anderen kann es ungebrochene begeisterung für moderne kommunikationstechnik sein und als drittes mag es eine haltung sein, mit der man hier auch unangemeldeten besuch zu jeder zeit herzlich willkommen heißt. Ich vermute, es ist der dritte grund, warum man hier gern auch mal nachts angerufen wird.

Dann mal wieder mit rafik ins cham-city-center um schokolade für seine frau und danette für mich zu kaufen. Ich gebe ein heidengeld aus! Zum einen, weil ich in einen laden gehe, um danette zu kaufen und mit fünf einkaufstüten voller kram rauskomme (danettes sind nicht darunter, die waren gerade aus! Dafür chips mit dem geschmack französischen käses (!) und erdnussbutter mit honig). aber auch, weil die preise steigen und steigen. ich verliere schon die besinnung, so teuer ist das teils. Als wir zwischendurch einen kaffee trinken gehen, rechne ich um, dass ich für zwei normale kaffee mit milch über sechs euro bezahlt habe (und man hat mich nicht betrogen!). wer soll sich das hier leisten können? Auf dem einkaufstripp merke ich durch ein beständiges, mich begleitendes knattern, dass man die ampelanlagen, nachdem man nun fast überall die rückwärts zählenden sekundenanzeiger angebracht hat, mit geräuschanlagen für blinde ausgestattet hat. ich war bisher immer davon ausgegangen, dass blinde ein besseres hörvermögen haben, als sehende. Die produzenten dieser knatteranlagen scheinen aber vom gegenteil auszugehen, denn diese knattern dermaßen laut, dass man es weithin hört. Ein enerviertendes knatatatata begleitet einen auf schritt und tritt. Im park üben jugendliche ungeschickte break-dance-figuren. Ja, die globalisierung macht auch hier nicht vor der jugend halt. Sie sprechen mich gleich an, ob ich nicht auch break-dance könne (wo denken die hin?), da ich ja schließlich aus europa sei und dort sei das ja sehr verbreitet. Nun, wir fahren ja auch nicht alle bmw oder mercedes...

Am abend noch mitglied in einem sportstudio geworden. In einem kleinen stinkigen, denn das hat den vorteil, dass es drei minuten von mir entfernt liegt. Es war unglaublich voll! Auf 40 quadratmetern haben cirka 40 leute trainiert. Das gibt einem das richtige sardinendosen-feeling. Angeblich ist morgens, wenn ich hingehen will, nix los. Inscha’allah! Ein Vertrag oder ähnliches musste nicht gemacht werden. Man zahlt einfach umgerechnet 10 euro und geht einen monat lang hin. Punkt. Sehr einfach und unkompliziert. So werde ich also ab morgen meine bemühungen fortsetzen, dem verfallsprozess meines welcken fleisches entgegenzuwirken.

späte kinobesucher, skandalöse sexszenen und mutige kulturminister

Am abend gehen wir mal ins kino. Der neue almodovar! Der neue (naja, so neu ist er ja nicht mehr – aber es ist der letzte von ihm)! In damaskus! Ich war reichlich erstaunt. Zerrissene umarmungen – los ambrossos rotos oder so. Auf spanisch. Mit englischen untertiteln (sonst hätte ich das auch nicht gemacht). Also man MUSS almodovar ja im spanischen original sehen. Der kinobesuch hier ist ja ein ganz anderes soziales ereignis als in deutschland. Nicht nur, dass es einige gibt, die sich an das rauchverbot nicht halten und das wichtige telefonate gerne nebenbei geführt werden, auch kommt man hier tatsächlich gern zu spät. Das ist sonst in syrien ja nicht üblich. Man ist hier normalerweise oberpünktlich. Bei verabredungen zum beispiel wird man schon nach zwei minuten verspätung angerufen, wo man denn bleibe. Ich glaube, dass das ein erbe der diktatur ist, wo es eben eher gefährlich ist, wenn man zu lange an ecken rumsteht, da man sich damit verdächtig macht. So sind also normalerweise immer alle pünktlicher als in deutschland. Nur nicht beim kinobesuch. Da kommt man gerne mal etwas später. Das wäre ja auch nicht so schlimm, wenn es einen werbeblock gäbe, aber den gibt es nicht. Der film fängt sofort an. Auch vorfilme sind offenbar unbekannt. Der film aber startet auf die sekunde genau. So bekommt die hälfte der gäste den anfang des filmes nicht mit und die andere hälfte auch nicht, da durch das kommen eine gewisse unruhe entsteht. Der film aber kam prächtig an!

Ganz anders als ein anderer film, den ich mal im rahmen eines filmfestivals in damaskus gesehen hatte (bei meinem letzten aufenthalt). Der film war der schocker! Der festivalleitung musste man wirklich respekt vor ihrem mut zollen. Moderner film, also keine handlung, keine höhepunkte, viele ergebnislose und verworrene dialoge, keine filmmusik, lineare erzählform ohne jede spannung – eher anstrengend zu sehen (www.alle-anderen.de). Aber eben sehr (post-)modern. Es ging um ein (unverheiratetes! – hier schon mal undenkbar) paar, das in sardinien im haus der mutter urlaub macht, dabei die ganze zeit über freiberufler-projekte lamentiert und mit dem leben so richtig unzufrieden scheint, das ständig nackt durch die gegend rennt und das die ausgeprägten beziehungsprobleme vor allem durch sex „löst“. die hälfte des publikums ist gegangen! Es waren auch jugendliche anwesend! ich meine ich hätte den film vielleicht ab 16 freigegeben aber auch nicht in schulklassen mit pubertierenden gezeigt, denn die sex-szenen waren recht explizit. In europa sieht man so was schon mal, aber hier geht ja eine nackte frauenschulter noch als porno durch, wenn dann sexszenen auf der leinwand zu sehen sind, das war DER skandal! Daran merkt man mal WIE koservativ das hier ist. die leute waren wirklich schockiert. Ein film wie shortbus oder ähnliches wäre hier undenkbar. ich habe die ganze zeit in mich reingestaunt und wie gesagt die festivalleitung für ihren mut bewundert, sich für diesen film entschieden zu haben, zumal diesen in dem größten saal zu zeigen, den damaskus zu bieten hat. Das cham-cinema 1 ist bestimmt größer als das größte cinemaxx. Es waren sicher nicht nur die sexszenen, auch die fast schon demonstrativ zur schau gestellte bindungslosigkeit, die sehr egalitären geschlechterrollen, etc, die diesen film dann auch wieder zu einer wirklich guten wahl machten. Er zeigte eben sehr eindringlich, dass in letzter konsequenz sexuelle befreiung ohne den preis der ödnis nicht zu haben ist. Und er kam dann wohl beim verbliebenen publikum (moderne junge menschen und wie rafik sagte viele drusen) auch recht gut an. Vor dem film habe ich noch einen freund getroffen, der sich einen anderen film angesehen hatte, der wohl auch recht gut und kontrovers war. Und man kann vermuten, da eben der kulturminister syriens die schirmherrschaft über dieses festival hatte, dass damit auch irgendwie ein zeichen gesetzt werden sollte. Wenn ich doch bloß wüsste, welches.

brennende fahnen, wütende demonstranten und nicht ganz so geheime polizisten

Auf dem weg zu einer mittagsverabredung am marje fallen mir schon die heerschaaren mittelalter, gutgenährter männer auf (die ganz offenbar nicht beim mittagsgebet sind). Normalerweise ist um die zeit die stadt wie ausgestorben. Die läden sind geschlossen und die menschen entweder zuhause oder eben in der moschee. Heute ist dem nicht so. dann, am zentralen platz vor der uno-zentrale steht auch viel polizei. Von weitem kann ich eine kleine demonstration erkennen, die sich dem platz nähert (vielleicht so dreißig leute). Die transparente kann ich nicht lesen (ich scheitere schon an der sehr verschnörkelten schrift, selbst wenn ich ein wort entziffert hätte, mir fehlte dann sicher das vokabular), aber die bilder zeigen jerusalem. Es handelt sich also um eine der demonstrationen, die hier nicht wirklich systemgefährdend sind. Die dreißig menschen (viele frauen – alle ohne kopftuch!) bauen sich mit ihren transparenten in der mitte des platzes auf. Es scheint sich um die vorhut zu handeln, denn es sind drei fernsehübertragungswagen und cirka zehn kamerateams anwesend. Die werden kaum wegen der dreißig menschen gekommen sein. Auch die hundertschaften an geheimpolizei lassen auf eine kommende großdemo schließen.

Dann fahren mit lauter musik und marzialisch gekleideten menschen zwei kleinbusse heran, die die fahnen der hamas und des islamischen jihad schmücken. Kurz darauf füllen sich die straßen (das gebet ist vorbei) und tausende palästinensische- und syrische fahnen schwenkende menschen demonstrieren gegen die siedlungspläne israels. Auf plakaten sieht man hundertfach ein neues präsidentenbild des syrischen präsidenten, auf dem der präsident mal richtig gut aussieht. Da war sicher photoshop am werk. Ich liebe solche großdemos hier. Sie sind immer so symbolträchtig und reich an pathos. Mit benzin wird ein judenstern auf den asphalt gegossen und angezündet. Dann kann man ihn mit den füßen austrampeln. Oder man verbrennt eine amerikanische flagge – das kommt auch immer wieder gut. Dazu skandieren wütende menschen aus tausenden kehlen kraftvolle slogans. Bei uns sind demos immer nur latsch-demos und zum einschlummern, hier ist wenigstens action! Und die warnhinweise des auswärtigen amtes (man solle sich von solchen großdemos fernhalten) kann man getrost ignorieren. Ich habe selten so positive reaktionen auf meine anwesenheit bei einer demo bekommen, wie hier.

Selbst als ich mal mit einem freund bei einer solchen demo war, der ungeschickterweise an dem tag auch noch ein t-shirt mit einer amerikanischen flagge anhatte, wurden wir willkommen geheißen. Ich glaube es liegt daran, dass die menschen hier noch nie wirklich ihre regierungen haben wählen können und daher sehr wohl zwischen menschen und regierungen zu unterscheiden vermögen. Als george dabbelyou an der macht war, haben wir doch alle amerikaner doof gefunden, eben wegen iher regierung (die sie ja auch irgendwie gewählt hatten). Jetzt finden wir amerikaner wieder cooler – eben wegen obama. Hier aber, wo die menschen wissen, dass regierende nicht das volk sind, wo sie als diktatoren oft ja sogar gegen das volk handeln, nimmt man die menschen – egal aus welchem land – eben als menschen wahr und nicht als vertreter ihrer regierung. Daher werden eben auch amerikaner willkommen geheißen – trotz ihrer regierung. Ich wünsche mir dieses abstraktionsniveau manchmal in deutschland.

Eine frage aber beschäftigte mich noch, als sie demo schon zuende war und horden junger menschen fröhlich die straßen unsicher machten: warum waren die ersten dreißig demonstranten alle kopftuchlos, die dann kommenden wagen aber islamistische organisationen? Ich habe dafür nur eine erklärung: die alevitische, säkulare (herrschende) schicht will sich den protest gegen die israelische politik nicht aus den händen nehmen lassen und ihn nicht den islamistischen organisationen überlassen. Daher musste die choreographie dahingehend gestaltet sein, dass erst die staatstragenden elemente und dann (sich quasi darunter subsumierende) islamistische, religiöse kräfte die bühne betreten. Eine sache nur hat mich doch sehr verwundert: warum so viel geheimpolizei? Die müssen wirklich eine wahnsinnige angst haben, dass solche demonstrationen entgleiten. Dabei habe ich an keiner stelle auch nur einen funken unkontrollierter aggressivität gespürt. Noch lange hinterher sind jugendliche mit assad-bildern durch die stadt gezogen und haben den freien tag gefeiert.

Donnerstag, 25. März 2010

die probleme der jeunesse dorée und toll duftende reinigungsmittel

Von reichen syrern und scharfen putzmitteln – andersherum wäre es mir lieber!
Bin vorgestern von Michel zu einem gemütlichen beisammensein mit einigen seiner freunde eingeladen worden. Dass es sich um reiche syrer handelt, sah man schon daran, dass alle über ausreichend mittelklassewagen verfügen. Wie unpraktisch so ein auto hier ist sah man dann wieder an ca. 40 minütiger parkplatzsuche. Sind dann in ein restaurant, in dem man aber auch nur was trinken kann, gegangen. Die gesprächsthemen waren unter anderem die neuesten diäten, die die jungs gerade ausprobieren! Hätte nicht gedacht, dass das die jungs hier so umtreibt. Einer machte gerade seit zwei monaten die atkins-diät (tödlich!) hat damit aber ganz gut abgenommen. Der andere hatte eine weitere diät ausprobiert und der dritte wieder einen anderen tipp zum abnehmen. Ja, man wundert sich. Ich weiß ja nicht, worüber sich anfang-mitte-zwanzig-jährige jungs in deutschland unterhalten, aber diäten??? Zum glück ging es nicht nur um diäten (ich meine, ich kann meinen teil zu einem solchen gespräch beisteuern), sondern auch um deutschland, die fortschreitende globalisierung, individualisierungstendenzen, den zerfall der familie, die verkehrsprobleme in damaskus und so weiter (lauter heitere themen). Was für ein glück, dass sie so gebildet sind, dass man sich jenseits aller stereotype mit ihnen zum beispiel über deutschland unterhalten kann. Endlich nicht mehr nur diese mercedes-bmw-schumacher-bayern-münchen-gespräche. Da merkt man dann doch, dass es ärzte (in dem alter!), ingenieure oder mindestens studenten sind. Vollendete form arabischer gastfreundschaft: sie haben es geschafft zu bezahlen, ohne dass ich es mitgekriegt habe und ohne dass ich auch nur ein anzeichen von geld, rechnung oder was auch immer bemerkt hätte.
Was mich dabei aber immer wieder erstaunt, sind die inzwischen enormen sozialen unterschiede, die hier seit jahren in großen schritten zunehmen. Noch vor jahren sah man so gut wie keine mittelklassewagen auf den straßen, dafür alte amerikanische schleudern (ähnlich wie in kuba). Aber man sah eben auch keine bettler, keine straßenkinder und keine mülldurchsuchenden rentner. Heute sieht man – leider – beides. Syrien ist der welthandelsorganisation beigetreten, hat sich offiziell vom sozialismus verabschiedet, hat einige westliche berater ins land geholt, wirtschaftsreformen begonnen, seine märkte geöffnet. Gleichzeitig zu den mit dem neuen bmw herumbrausenden neureichen gibt es immer noch tagelöhner, die morgens an bestimmten ecken auf arbeit warten und dann für einen tag ca. 6 euro lohn bekommen. Dafür können sie brot, tomaten und etwas joghurt kaufen, aber sicher keinen neuen bmw! Ich denke, die masse lebt hier in sehr bescheidenen verhältnissen, eher in armut und in beengten wohnverhältnissen. Wenige haben sehr viel zum leben. Eine mittelschicht entsteht nur langsam. Solange die sozialen unterschiede klein waren, war auch kriminalität kein problem. Bin mal gespannt, ob das so bleibt. Bisher scheint mir syrien nach singapur das sicherste land der welt zu sein.
Die sonne scheint wieder! Es wird langsam wieder wärmer! Der frühling kommt mit macht. Da ist zeit für einen frühjahrsputz, dachte ich mir gestern. Habe daher zuerst einmal reinigungsmittel für den großen hausputz eingekauft. In arabisch ausgeschilderte mittel, die es teils in sich haben. Eines (ich hatte um simples reinigungsmittel gebeten) hat die hartnäckigen verfärbungen des spühlsteines, die auch durch heftigstes schrubben mit einem kratzschwamm nicht wegzukriegen waren, innerhalb von sekunden zum verschwinden gebracht. Das hätte mich stutzig machen müssen. Ich habe aber anstatt zu stutzen, zusätzlich mit meinen bloßen händen und einem schwamm im spühlstein herumgeschrubbt bis ich dachte: man, das ist sicher für die hände nicht so gut – und das war es auch nicht. Ich musste sie lange mit wasser spülen und die haut ist nun ganz rosa und dünn und etwas stumpf. und meine hände riechen ganz doll nach blumenduft. Aber sauber sind die jetzt bestimmt! Der tag stand überhaupt unter der ägide des kampfes gegen den schmutz und zwar im wörtlichen sinne – gegen andere schmutzige dinge habe ich nix. Ich habe daher sage und schreibe 6 stunden geputzt. Das war nicht so geplant, hat sich aber so ergeben, denn als wir gerade mehrere eimer wasser verschüttet, ein mords saukram mit dem umtopfen der pflanzen und überhaupt ein totales chaos verzapft hatten, rief rafiks frau an, dass ein onkel gestorben sei. so musste er dorthin zur beerdigung (zwei stunden nach dem tod – ziemlich schnell) und ich musste alleine weiterputzen. Jetzt habe ich sehr kaputte hände, kopfschmerzen (sicher von den scharfen reinigungsmitteln), rückenschmerzen (frage mich wie putzfrauen das machen) aber eine blitzeblank saubere wohnung.

Montag, 22. März 2010

internetzensur, schlimme fernsehserien und alberne lobpreisungen

Gestern nach dem frühstück gehe ich ins pages-cafe, wo sie immer noch kein internet haben, wesswegen ich mal wieder ins knusper mit dem deutschen service (langsam und unfreundlich) gehe, wo das internet funktioniert – immerhin. Dabei fällt mir auf, wie winzig hier immer die portionen milch sind, die man zum kaffee bekommt. Ich muss immer regelmäßig drei mal milch nachbestellen, als ob milch ein so rares und kostbares gut wäre! Nach dem dreimaligen nachbestellen merke ich, dass sie hier den saudischen server eingestellt haben. Der vorteil ist gering: man kann die schrottvideos auf youtube sehen, die der syrische server sperrt. Dafür sind die nachteile enorm: alle schwulenseiten und alle nachrichtenseiten aus deutschland (tagesschau. fr-online, etc.) sind verboten. All das, was in syrien problemlos zu kriegen ist. aber saudi-arabien steht wegen zensur deutlich seltener am pranger als syrien. Noch dazu finde ich die idee, youtube zu zensieren gar nicht so abwegig...
Hatte beim kauf des spiegels mit dem zeitungsverkäufer noch ein kurzes, nettes gespräch über die entwicklung der preise für presseerzeugnisse. Der spiegel ist nämlich teurer geworden. Von ehemals 600 (immerhin über 8 euro!) auf 625 lira. Da ich meine verwunderung darüber zum ausdruck brachte, sagte mir der händler, dass zum beispiel die marieclaire (deren regelmäßiger leser ich ja nicht bin) sich im preis fast verdoppelt habe, auf nunmehr zehn euro! Da ist man als spiegel leser ja noch gut dran! Allerdings nur was den preis angeht, wenn man dann anfängt zu lesen, leidet man schrecklich! Was ein schundmagazin! Aber es gibt nix anderes deutschsprachiges hier. Vielleicht sollte ich doch auf die marieclaire umsteigen.
Gestern abend noch einen schrecklichen tatort gesehen, den ich mir in deutschland aufgenommen hatte und die ganze nacht schlecht geträumt. Ich solle das wirklich nicht tun! Überhaupt ist das mit dem fernsehen hier so eine sache. Euronews und aljazeera haben ein so schmales programm, dass man schon nach 45 minuten wieder die selben berichte sieht. Von dw-world gar nicht zu sprechen, die berichten eigentlich nur von modemessen in shanghai oder schokoladen-spezialitäten aus der schweiz. Dann habe ich auch noch die sateliten-anlage verstellt, da ali auf einem neuen sender (jadid) eine türkische serie sehen wollte, die sich hier gerade großer beliebtheit erfreut. In der serie treten nur schauspieler auf, denen so viel botox gespritzt wurde, dass sie allesamt gar keine mimik mehr haben, wesshalb jegliche stimmung (ob freude oder dramatik, trauer oder leichtigkeit) durch eine kitschige hintergrundmusik geschaffen werden muss, denn die schauspieler sind ja nun mal leider unfähig, sie in ihren gesichtern zu spiegeln.
Beim neu-einstellen des decoders sind mir dnn noch allerlei bizarre sender aufgefallen. Unter anderem einer aus oman, auf dem den ganzen tag (24 stunden!) videos laufen, die den herrscher omans lobpreisen. In musikvideoratiger gestalt oder in gedichten und texten mit bildunterlegung (auch ein sujet, dass schnell alpträume hervorrufen kann). Ich kann mir gar nicht vorstellen, wer sich das ansehen soll, außer eben der herrscher selbst, der sich dann denkt: man bin ich toll, dass die mich den ganzen tag so lobpreisen! Das ist eine fast noch billigere loyalitätsbekundung als die hier allerorten aufgehängten plakate (gestern eines gesehen, wo die zahnärzte syriens (!) dem großen präsidenten zum soundsovielten jahrestag der revolution gratulierten und ihre unverbrüchliche treue mit der baath-partei bekundeten – lächerlicher geht es kaum). Ich meine, das nimmt doch der dümmste einem nicht ab. Wie kann man nur glauben, dass so was wirkt? Es ist doch eher ein armutszeugnis und ein eingeständnis der eigenen beschränktheit und ja auch machtlosigkeit, wenn man so was nicht unterbindet. Also ich würde als präsident abends heimlich diese plakate abnehmen und ein gesetz erlassen, dass es bei hoher strafe verbietet, mich zu lobpreisen!

eine kiste fisch, sozialistische raststätten und lesefaule syrer

Auch die folgenden tage nach dem aufstehen (gut geschlafen, trotzdem ali schnarcht – aber wahrscheinlich haben wir gemeisam um die wette geschnarcht) sind wir gleich wieder in den fängen der gastfreundschaft. Ein freund holt uns auch heute morgen ab und – da wir uns heftig wehren und beteuern, dass wir nun aber wirklich los müssen – bleibt es bei einer einladung zum morgendlichen kaffee und einem kleinen stadtrundgang an der corniche, die bei sonne wirklich herrlich ist, wenn man über die angewohnheit der syrer hinwegsieht, ihren müll einfach an der strand zu werfen und sich offenbar niemand dafür verantwortlich fühlt, ihn wieder wegzusammeln. Nach mehreren schönen aussichtspunkten wird uns noch das heimatliche viertel gezeigt, wo wir auch sogleich einem fischer vorgestellt werden, der und eine kiste fisch (!!!) mit nach damaskus gibt.
Mit einer kiste fisch im kofferraum unseres kias fahren wir dann nochmals zu den eltern von ali, die uns eigentlich noch gestern wieder erwartet hatten, aber mit einem unverbindlichen inscha’allah kann man ja jede verabredung ins unbestimmte ziehen lassen. Wir wussten ja schon, dass wir die tage in lattakia verbringen würden, konnten es ihnen aber natürlich nicht sagen, sonst hätten sie uns gar nicht fahren lassen. So ist die kleine lüge hier schon daher ein ständiger begleiter, da man sonst den auf einem lastenden sozialen pflichten nicht genüge tun könnte. Bei den eltern auf der terrasse sind einige landarbeiter und eben die famlie zum tee versammelt. Zum glück müssen wir nicht noch dem rat der dorfältesten vorgestellt werden, sondern bekommen unverbindlich tee und reichlich gutes essen. Der onkel von ali (inzwischen auch anwesend) hat noch zwei große säcke feuerholz gesammelt, die wir auch noch nach damaskus mitnehmen müssen (dazu muss ali noch mal ca. eine dreiviertel stunde mit dem auto und mehreren familienangehörigen los, um es zu holen). Immerhin ist damit das sommerliche grillen auf der dachterrasse gesichert... Eigentlich ist das auto voll (im kofferraum die kiste fisch, auf der rücksitzbank die säcke mit holz), es passt neben uns und unserem gepäck aber noch die ganze familie von alis schwester hinein, die wir in ein ca. 30 minuten entfernt liegendes dorf bringen, bevor wir uns auf den rückweg machen können. Ich glaube wir hätten es mit dieser beladeaktion fast ins buch der rekorde geschafft.
Auf der rückfahrt fahren wir, von einer pause abgesehen, durch. Diese pause machen wir bei einer raststätte, an der sich seit der revolution (wann immer die war, es ist aber sicher vierzig jahre her), nichts geändert hatte. Ein vollkommen volkssozialistisch geführter betrieb mit einem warenangebot, das keiner will, vielen mitarbeitern die nichts zu tun haben, riesigen räumen ohne gäste und einem dekor, dass mal jeden sozialistischen wettbewerb gewonnen haben muss. Sozusagen eine zeitreise! In damaskus angekommen hat rafik uns etwas gekocht und wir essen noch zusammen, bevor ali die mitgebrachten dinge nach hause fährt und wir dann gemeinsam den wagen abgeben gehen wollen. Das scheitert daran, dass ali verkehrtrum in eine einbahnstraße gefahren ist und die polizei ihn dabei erwischt hat. Er muss nun die von der polizei eingezogenen fahrzeugpapiere morgen einlösen (das geld für die strafe hätte er gehabt, aber vermutlich geht es um einen besonderen pädagogischen umerziehungsversuch der syrischen regierung, dass man am tag nach der verkehrsordnungswidrigkeit höchstpersönlich im kommissariat der verkehrspolizei antanzen muss). So geben wir (auf anraten der autovermietung, die den wagen eh erst morgen Mittag wieder erwartet hätte – frag mich einer nach den regularien dafür) das auto eben erst morgen nach dem besuch beim verkehrskasper ab. Ali hatte allerdings schlimm schlechte laune, denn es war das zweite mal, dass er heute eine strafe bekommen hatte. Das erste mal heute morgen in lattakia, weil er ohne sicherheitsgurt gefahren ist. das hat schon mal etwas geld und eine standpauke gekostet und mein gehässiges lachen, weil ich ihm immer gesagt habe, dass er sich anschnallen soll. Ja, man sieht sofort: der präsident hat die verkehrserziehung zu einem seiner schwerpunktthemen erklärt. Die anderen sind übrigens das rauchverbot und das lesen. Die syrer sollen mehr bücher lesen und sich ein beispiel an den europäern nehmen. Dazu gibt es schöne plakate mit „Ikra!“ – „Lies!“ drauf. Ich glaube ja, dass die syrer mehr lesen würden, wenn nicht alle interessanten bücher der zensur anheim fallen würden, aber das ist vielleicht ein anderes thema. Nun bin ich auf jeden fall gesund und um viele eindrücke reicher wieder im heimatlichen damaskus (wo es nach einigen sommerlichen tagen wieder winterlich kalt geworden ist) und bin müde und zufrieden.

Mittwoch, 17. März 2010

gefangene gäste und die geheimnisse der taubenzucht

Sind nach einigen tagen auf dem lande nun nach lattakia gefahren und haben uns in der touristenzone im norden der stadt ein chalet gemietet. Chalets sind an die küste gebaute häuser, die aussehen wie eine überdimensionierte kleingartenkolonie aber ohne gärten. In diesen breitengraden hat man die steinwüste ja eh leber als das dumme grün, das macht nur arbeit. In jedem haus sind zwei bis vier einheiten, alle mit terrasse oder balkon, viele mit hollywood-schaukel (toll!), die – bevor man mit dem neubau eines gigantischen hotelkomplexes direkt am strand begonnen hat – alle mal einen schönen blick auf das meer gehabt haben müssen. Jetzt haben sie einen tollen blick auf die großbaustelle. Hat auch seinen charme. Schön war, dass man um diese jahreszeit fast allein dort ist. das hat einen ganz besonderen charme. Im sommer muss man hier die pest oder schlimmeres kriegen, wenn tout la syrie hier vorbeiwackelt um zum verdreckten strand zu kommen. Da ali sich in lattakia selbst nicht so gut auskennt (seine stadt ist ja eigentlich jables, nicht lattakia), hat er einen freund angerufen, der als taxifahrer arbeitet und diesen nach einem restaurant gefragt, in dem wir essen gehen könnten. Und so nahm der verhängnisvolle strudel der gastfreundschaft seinen lauf.

Als gast ist man in arabischen ländern ja immer auch ein gefangener. Man muss mit sich machen lassen, denn es gibt kein entrinnen. Und am besten antwortet man auf die zahlreichen nachfragen, wie es einem gehe immer und stets mit einem lächeln: hervorragend! Auch wenn man gerne gerade vielleicht seine ruhe hätte – so was wird nicht akzeptiert. Bei uns ging das ungefähr so: der freund war schon mal nicht allein, sondern hatte noch einen freund dabei. Beide haben und dann erst zum essen eingeladen (es gab selbst für ali, der alle tricks diesbezüglich kennt keine möglichkeit zu zahlen). Dann wurden wir zu einem befreundeten maisverkäufer an der corniche geschleppt, wo wir erneut essen mussten und nun ja noch einen weiteren freund kennengelernt hatten, der sich ebenfalls erkenntlich zeigen musste, wesshalb er uns zum tee eingeladen hat (in der nähe der corniche, die eine schmucklose straße mit sehr schönem blick und einem etwas vermüllten strand ist). Danach haben wir die sehenswürdigkeiten der stadt kennengelernt (lattakia hat diesbezüglich nicht viel zu bieten – auch ganz angenehm), wobei wir unweigerlich weiteren freunden in die arme gelaufen sind, die uns nun wiederum auch zu sich einladen mussten.

So fanden wir uns alsbald auf einem dach wieder und wurden in die geheimnisse der taubenzucht eingeführt (taube heißt übrigend auch hamam, wie das dampfbad, nur mit unhörbar kürzerem a am ende, was bei mir die freudige erwartung eines gemeinsamen dampfbadbesuchs auslöste, aber stadt in einem warmen dampfbad fanden wir uns bald auf einem zugigen dach wieder). Auch dort natürlich tee und haschisch (da habe ich mich bekanntermaßen zurückgehalten). Dann sollte es wieder essen geben! Dabei hatten wir gerade zweimal gegessen! Also sind alle essen holen gefahren und dann mit uns zusammen in unser chalet. Dort wurden unmengen von knabbernüssen (etwa 6 kilo) in alle verfügbaren gefäße geschüttet, so dass ich schon annahm, es würden noch mehr als die inzwischen anwesenden sechs freunde kommen und es wurden große mengen mitgebrachten essens ausgepackt. Da das alles nicht gegessen werden konnte (obwohl ali in der nacht noch eine dieser bekannten fressattaken hatte), wanderte es erst in den kühlschrank und dann unweigerlich am nächsten Vormittag beim räumen des chalets in den mülleimer. Schade um das schöne essen, aber es geht bei diesem spiel wohl in erster linie um das wahren des gesichtes. Der gastgeber (in diesem falle alle freunde, wir waren ihre gäste) müssen uns um den preis des eigenen ruins bewirten, dass wir es nie vergessen werden – so geht das spiel nun mal. Spät in der nacht gingen dann alle, nicht ohne anzukündigen, sich die nächsten tage auch noch mal um uns zu kümmern.s

riskante fahrweisen, schmucklose häuser und chaotische medikamentenverteilung

Nun also der erste teil meines reiseberichtes aus latakia. am morgen hole ich das auto (ein schicker kleiner und neuer kia) ab und fahre elegant, wie es meine art ist im dichten verkehr nach hause, wo ich mich mit ali treffe. Den verkehr in arabischen ländern liebe ich sehr, er ist so muschelig. Man muss sich kaum an regeln halten und einfach nur nach vorne gucken und langsam fahren. Das ist alles. Ich mag das. Dann fährt ali mich beim internetcafe vorbei, da er noch sachen für lattakia von zuhause holen muss. Allein schon wie lange er braucht, um sich in den verkehr einzufädeln zeigt einen sehr defensiven fahrstil (was mir ja lieber ist) aber auch sehr wenig erfahrung im fahren. Ich erinnere mich dessen, was rami mir erzählte, der fahrstunden nahm, obschon er einen führerschein hatte, da er meint, den bekomme man hier quasi ohne jede fahrstunde und er fühle sich eben nicht fit, um zu fahren. Da aber alles gut geht und ali nach einer guten stunde zurück ist, fahren wir nach lattakia. Im kofferraum haben wir nun eine kiste tomaten (dort gibt es wohl nur oliven, das ist ja aber erst das halbe essen). Und auf dem rücksitz sitzt ein überdimensionaler teddybär als dritter mitfahrer.

Auf dem weg nach latakia (das auf syrisch ladii ausgesprochen wird und somit keinerlei ähnlichkeit zu inserem lattakia hat) ist die hölle los, wie eigentlich immer auf syrischen straßen. Nicht das so viel verkehr wäre. Wenn man aus damaskus raus ist, sind die straßen frei. Aber es scheint eine art linksfahrgebot zu geben. Erst im letzten moment weicht man entgegenkommenden fahrzeugen aus. Auch ali fährt so, obwohl ich sagen muss, dass er recht gut und eben defensiv fährt, wenn nicht dieses linksfahrgebot eben wäre, dass mir manchmal das blut in den adern gerinnen lässt (oder gefrieren? Aber dazu ist es eigentlich ja noch zu warm...). das wäre nicht ganz so schlimm, wenn nicht ausgerechnet die linke spur auf den mehrspurig ausgebauten straßen manchmal unvermittelt und ohne ankündigung endet und in ein schotterbett übergeht. Mehrfach schaffen wir es erst im letzten moment, uns wieder auf die alphaltierte straßen zurückzubegeben. Da wir über die hälfte des weges in der dunkelheit zurücklegen (und dunkelheit meint das auch, straßenlampen säumen nur die straßen, die der präsident mal fährt und hier scheint er nicht vorbeizukommen), ist die fahrt recht nervenzährend.

den weg säumen kleine brände, welche durch die straßenverkäufer angefacht werden. So weisen einem immerhin die rauchsäulen den weg. Bei uns wäre die feuerwehr im dauereinsatz, hier lässt man sie gewähren, umwelt ist eben in einem dritte-welt-land keine kategorie. Die familie von ali, bei der wir nach einer für dreihundertfünfzig kilometern recht langen fahrt am abend landen, ist entzückend! Arabische gastfreundschaft, aber nicht so übertrieben, dass es einem peinlich ist. keine kopftücher und man kann sogar den frauen die hand reichen. Das geht in syrien ja nur ganz selten bei besonders aufgeschlossenen syrern. Normalerweise geben sich fremde männer und frauen nicht die hand, nur frauen untereinander und männer untereinander. Alis eltern wohnen mit seinem kleinen bruder und seiner noch unverheirateten schwester – ja man muss sagen – auf dem lande. Die anderen fünf brüder und drei schwestern sind schon ausgeflogen, nur eine wohnt mit mann und kind in der nähe und ist somit auch anwesend.

Das haus ist nicht so klein und sehr schön gelegen. Von einer anhöhe hat man einen blick über die gesamte mediterane hügellandschaft bis zum meer. Ein wirklich außergewöhnlicher blick. Das haus ist schmucklos. unter anderem wundert mich, dass man hier die wände von innen nicht streicht. Sie sind einfach im verputzten zustand gelassen worden, was für uns ja eher gewöhnungsbedürftig aussieht. Die möblierung ist sparsam und funktional aber nicht praktisch in dem sinne. Immerhin ein sehr gutes bad mit stehtoilette und warmem wasser! Ich glaube, dass das haus für diese gegend eher gehobener standard ist, für unsereins ist es aber schon gewöhnungsbedürftig. Der gemeinsame raum ist allerding schön. Dort kommen alle zusammen, essen, reden und: sehen fern! Was wäre die arabische famlie ohne den fernseher? Nur der esel muss draußen bleiben und steht angeleint vor dem haus. Ich finde esel ja immer niedlich!

Das essen ist so, wie man sich es in einem klassischen film über eine arabische famlie immer vorstellt: oliven, tomaten, gefüllte auberginen (damit kann man bei mir ja keinen blumentopf gewinnen), aber auch gebratenes ei, hummus, joghurt, saita und brot, und so allerlei andere kleinigkeiten, die mit brot genommen und gegessen werden (praktisch: man muss hinterher kein besteck abwaschen!). nach dem essen verteilt ali die aus der großen stadt mitgebrachten medikamente. Es ist eigentlich verwunderlich und spricht gegen alle theorien für gesunde ernährung, dass menschen, die sich von den gaben der sie umgebenden natur ernähren, die als fette nur olivenöl, reichtlich gemüse und obst aus eigenem anbau und keine industriell verarbeiteten produkte zu sich nehmen dennoch so schwer krank sind, dass sie allerhand schlimme und bei uns verschreibungspflichtige medikamente benötigen. Beta-blocker und blutfettsenker, alles, was die syrische pharmaindustrie so im angebot hatte war dabei.

Das problem: wenn die packung anders aussieht, als die alte, wusste niemand, was da drin war und für wen (ob mama oder papa) die medikamente nun waren. Die zuordnungsversuche wurden tatsächlich nach der größe, form und farbe der tabletten vorgenommen. Die kleine gelbe ist eher für mama. Was aber, wenn die selbe tablette aus anderer produktion plötzlich grün und mit schlitz ist? dann nimmt papa sie in zukunft aus versehen, ohne sie zu brauchen und mama nimmt die falschen von papa. Ich habe versucht, mich mit hilfe der englischsprachigen beipackzettel an diesem spiel zu beteiligen, bin aber auch daran gescheitert, dass ich nicht wusste ob vastatine nun das selbe sind, wie das, was in den kleinen gelben irgendwie anders bezeichnet wurde. Vermutlich sind all die krankheiten also doch nicht ernährungsbedingt, sondern einfache nebenwirkungen ursprünglich mal unbedacht genommener falscher tabletten.

Geschlafen haben wir im zimmer, dass schwester und bruder für uns räumen mussten (die vermutlich im salon haben schlafen müssen). Das war recht komfortabel. Am morgen habe ich dann die ganze schönheit der landschaft bewundern können. Am meer ist es doch um diese jahreszeit schon erstaunlich warm. Am tag reicht ein t-shirt. Leider gibt es daher auch schon reichlich stechbereite mücken, die mich aber zum glück verschont und lieber ali ausgesaugt haben. So haben wir einige tag ein der ländlichen idylle verbracht und ich muss sagen: erholen kann man sich hier wunderbar!

Montag, 8. März 2010

mann-männliche liebeslieder und zuverlässige autovermietungen

Geweckt werde ich von einem lauten knall. Im ofen ist etwas passiert, aber ich weiß nicht was. Als ich rafik anrufe, erklärt der mir, dass das wohl vom wind kommt. Der drückt den rauch in den ofen zurück und dann geht mit wucht eine klappe zu. Durch drücken eines mit „scharaq“ beschrifteten knopfes kann ich einen kleinen ventilator in betrieb setzen, der den rauch dann also gegen den winddruck nach außen befördert. Noch eine gute stunde stinkt es bei mir ziemlich nach rauch und öl und überall sind so kleine schwanze rußpartikelchen. Aber ich habe wieder etwas gelernt und wieder einmal bin ich – während ich mit dem ölkännchen herumplätschere – dankbar für die gaszentralheizung in deutschland. Ansonsten ein sonniger und kühler tag, den ich zur hälfte mit rafik im park verbringe: saft trinken, sandwich essen und halt so rumsitzen. Dass kann man hier ja besonders gut. Ich glaube fast, dass die halbe nation nix anderes tut. Wenn man so durch die straßen geht, sieht man unheimlich viele unproduktive sitz-jobs. Das bewachen von was auch immer scheint eine der hauptbeschäftigungen zu sein. Und wenn mal drei leute arbeiten, heißt das auch: einer arbeitet vor sich hin, die anderen zwei gucken zu und rauchen.

Heute einen kleinen einkaufsbummel durch die altstadt gemacht. Dabei ist mir aufgefallen, wie aufgeschickst die inzwischen ist. in der gesamten via recta (wo der saulus zum paulus geworden ist) sind inzwischen alle läden mit pittoresken holztüren versehen, die fußwege wurden neu gestaltet und es haben extrem edel aussehende restaurants aufgemacht. Zum glück kann man dennoch ungestört stöbern ohne angesprochen zu werden (nur einmal hello my friend – good price). Diesbezüglich also noch heile welt, ansonsten, wenn das so weitergeht mit der beirutisierung und der pittoreskisierung, dann wird damaskus doch irgendwann ein historisches disneyland. Immerhin kaufe ich eine cd mit irakischen sängern, auf denen – laut rafik – viele homoerotische lieder sind, die ich aber noch nicht verstehe. Im irak würde sowieso eine nicht geringe anzahl der sänger mann-männlich liebeslieder singen. Das ist ja ein im westen vollkommen unbekanntes genre. Arabisch fällt heute aus, da mein lehrer im stress ist, denn er fährt übermorgen einige tage nach karmischli in seine heimat.

Auch ich werde mit meinem freund ali einige tage damaskus verlassen und zu seiner familie nach latakia fahren. Mit einem mietwagen! es gibt jetzt nämlich eine autovermietung, die einem für 21 euro am tag einen chinesischen kleinwagen (mit vollversicherung) zur verfügung stellt (budged). Bisher waren die gebühren doppelt so hoch und die versicherungsdeckungssumme war nur 50%, was im falle eines unfalls ein ganz schönes risiko ist. Zudem war ich noch nicht in latakia und ali kennt es gut, könnte mir das zeigen und 2 tage nur arabisch sprechen (oder stammeln) ist ja auch eine art intensivkurs.

Bei der autovermietung klappt tatsächlich alles. Das auto ist reseriert, der preis wie abgesprochen, zwei fahrer kein problem, versicherung inclusive, es soll vollgetankt sein und morgen früh zur abholung bereitstehen. Dann kann es ja losgehen. Kläre mit ali noch die modalitäten der reise, denn so zauberhaft ich es fände, seiner familie vorgestellt zu werden, weiß ich auch, dass es nach ein oder zwei tagen sehr anstrengend sein kann in einer arabischen familie zu gast zu sein, zumal mein arabisch rudimentär ist. er wohnt dort wohl eine halbe stunde vom meer entfernt und wir hätten damit eine gute ausrede, nicht nur bei der familie, sondern nach einigen tagen in einem der „chalet“ genannten kleinen häuser am meer, die man unkompliziert mieten kann, zu übernachten. Ich glaube, dass ich das eindeutig präferieren werde. Da wir also morgen fahren werden, gibt es nun wieder einige tage keine blogs – danach aber dann wieder einen kleinen reisebericht. Diemal vom meer!

irakischer wahlkampf in der syrischen hauptstadt und tolle spots im tv

Heute ist ja wohl die wahl im irak. Die hat man hier die letzte zeit auch deutlich gemerkt. Überall in der stadt stehen zahlreiche wahlplakate für die wahl im irak. So viele iraker sind nach syrien geflüchtet, dass es sich zu lohnen scheint, hier einen irakischen wahlkampf zu führen. Vorher schon waren mir die irakischen fahnen in jeramania und anderen vierteln aufgefallen, in denen viele iraker wohnen. Aber plakate gibt es in der ganzen stadt. Dabei steht in der syria today, dass weniger als 10% aller ins ausland geflüchteten iraker an der wahl teilnehmen wollen, weil es sich zumeist um diejenigen handele, die an der wahl 2005 teilgenommen, dann aber gesehen hätten, dass sich die situation nicht besserte und sich jetzt enttäuscht von der politik abwendeten. Ihre illusions- oder hoffnungslosigkeit war sicher auch einer ihrer fluchtgründe. Nun, immerhin scheint es sich zu lohnen, hier extra für sie wahlplakate anzumieten.

Im ferseher (vielmehr dem satelliten-decoder) versuche ich die 497 sender zu ordnen, die mir durch einen ungeschickten tastendruck durcheinandergeraten sind. Neben den ca. 200 sendern in denen ein alter mann vor einem buch (vermutlich dem koran) sitzt und in die kamera redet (mal ruhig und beschwörend, mal in rage und aufbrausend), entdecke ich mindestens 7 neue kurdische sender (deren konzept ich nicht immer verstehe) und ebenso viele andere irakische sender auf denen auch eindringlich für die wahl geworben wird. Ein besonders schöner spot wandelt in einer animation die abgegeben stimmen aus der wahlurne in kleine güldene sternchen um, die sich auf den weg durchs land machen und zauberkräften gleich vormals zerstörte häuser aufbauen, verschmutzte landschaften reinigen, vertrocknete parks in ein blumenmeer verwandeln und verlassene viertel auferstehen lassen.

Meistens aber wird gesungen. In gruppen, mit irakischen fahnen und immer steht eine wahlurne vorne in der mitte, in welche zettel geworfen werden (wohl die abgegeben stimmen). Plakativer geht nicht. Schön ist die geste nach dem wurf der stimme in die urne: wie ein sportler nach einem verdienten sieg, werden beide arme (die hände zu fäusten geballt) in die luft gereckt. Ansonsten finde ich meine präferierten sender (al jazeera international und euronews) nicht wieder. Dw world, der deutsche auslandssender geht ja gar nicht! Entweder bringen sie reportagen über mittelfränkische weingüter oder die news von vorgestern in der fünfundvierzigsten wiederholung!

Ich werde, wenn ich nach deutschland zurückgekehrt sein werde, mich jeden tag vor meiner gaszentralheizung niederwerfen. Nicht, dass ich dem ofen nicht auch etwas romantisches abgewinnen könnte. Aber gestern abend war es wider sehr windig, mit dem ergebnis, dass es im ofen zweimal laut geknallt hat. Ich weiß inzwischen, dass das nicht gefährlich, sondern einer klappe zuzuschreiben ist, die verhindern soll, dass der rauch durch den wind wieder zurück in den ofen gedrückt wird. Wenn es aber so knallt, puffen in dem moment aus dem ofen eine menge kleinster rußpartikelchen in den wohnraum, die sich dann im laufe der nächsten stunden auf allem niederlassen und dort einen schönen schwarzen schmier ergeben. Es sind kleine schwarze pünktchen, die aussehen wie dunkler staub. Wenn man sie versucht wegzuwischen macht man nur alles noch viel schlimmer. Wenn ich ein dichter wäre, würde ich ein „lob der zentralheizung“ schreiben. Warum gibt es so was eigentlich noch nicht?

kryptische sprichwörter, schicke präsidentenbilder und neue offenheit

Ein guter tag um am warmen ofen zu lesen, das schami-buch ist durch und ich fange an, mich durch den schinken von michael roes zu kämpfen. Das beginnt mit einem nichtübersetzten arabischen sprichwort, das ich (mir fehlt nur ein wort) wortwörtlich so übersetze: „wenn war gerede nicht sein schöner als schweigen unterbrechungen.“ Entweder muss ich doch noch mal das wörterbuch bemühen, oder diese araber haben komische sprichwörter. Immerhin denke ich mir – vielleicht ist das auch ein postmodernes sprichwort. Und zumindest konnte ich etwas übersetzen! Später, beim arabischunterricht bügeln wir meinen missglückten versuch ein sprichwort zu übersetzen aus. Aus meiner übersetzung „wenn war gerede nicht sein schöner als schweigen unterbrechungen“ machen wir: „wenn das, was du zu sagen hast nicht schöner ist als ruhe, dann schweige“. Das hört sich doch gleich viel gelungener an.

Für morgen bin ich mit einem nachbarn verabredet. Er hatte mich vor einigen tagen auf der straße vor meinem haus angesprochen, ob ich hier wohne. Er arbeitet in halbouni im englischen buchladen und möchte glaube ich mal einfach etwas englisch sprechen. Da habe ich ja nix gegen. Wenn alles gut geht, treffen wir uns morgen auf einen kaffee. Das ansprechen ist hier einfach viel einfacher als in deutschland. Niemand würde einen doof anmachen, nur weil man jemanden unter einem dusseligen vorwand (wie spät ist es? Wohnst du auch hier in der nähe? – ich meine plumper geht es kaum) anspricht und dann im nächsten schritt die nummer austauscht. Ich habe hier inzwischen in den vier monaten so viele nummern in meinem telefon, dass ich bei einigen beim besten willen nicht mehr weiß, wer das ist, woher ich die nummer habe und warum wir die getauscht haben. Aber so kommunikativ ist es immer noch besser, als dieses miesepetrige deutsche.

Überall in der stadt sind neue präsidentenbilder plakatiert und zwar auf den freiwerdenden werbeflächen. Das wäre doch auch mal ne idee für die werbebranche in deutschland. Anstatt so dusselige eigenwerbung zu schalten (hier könnte ihre anzeige stehen oder nichts fällt auf wie ein plakat oder so’n dummsinn) immer merkelbilder kleben. Dabei muss natürlich dann auch die symbolik aus dem arabischen übernommen werden: merkel mit dem politischen ziehvater kohl und ihrem nachfolger (tja, wer bloß?) auf einem bild, wobei kohl ein heiligenschein gemalt wird. Oder: merkel in militäruniform mit sonnenbrille auf. Auch gut: mit zwei gekreuzten mg’s (wahlweise schwertern) unter ihrem konterfei. In allerlei albernen ordensbehängten phantasieuniformen mit sonnenstrahlen um ihren kopf in erlöserpose oder zusammen mit ahmadinedjad und nasrallah (wahlweise mit obama und sarkosi) als närrisches dreigestirn (oder dreigespann?). nun, ich werde diese ideen dem bundeskanzleramt mal antragen. Ne image-kampagne könnte der neuen bundesregierung doch nicht schaden.

Im cafe, in dem ich heute war lag die syria-today, eine von der regierung herausgebrachte englischsprachige zeitschrift, bei der man sich echt wundert, wie offen da tabus und probleme angesprochen werden. Die eine ausgabe über homosexualität, uneheliche kinder und unverheiratete paare lag noch da. Die neue habe ich mir mitgenommen und eine ältere ist mir noch in erinnerung, wo über korruption und andere politische probleme geschrieben wird. mein arabischlehrer meint, die können das nur so offen schreiben, weil das auf englisch ist und weil ein großteil der bevölkerung das eh nicht lesen kann. Diejenigen, die englisch können, und die ausländer, die das dann lesen, sind eh so gebildet und haben den background, dass sie die probleme wahrnehmen und dann mitkriegen, dass sich im hintergrund etwas ändert, ohne dass die reformen an die große glocke gehängt werden. Erstaunlich ist aber schon, dass die zeitschrift z.b. auch über in syrien festgenommene menschenrechtsaktivisten berichtet und artikel abdruckt, in denen die usa syrien auffordern, menschenrechtsaktivisten freizulassen.